Teil 9: Querschnitt
durch zwei Dekaden Tierschutzarbeit
WTV-Aktivitäten
von 1956 bis 1977
"Tierfreund" geht in "Illustrierter
Tierwelt" auf
Der Tierschutzverlag E.H. Buberl schlägt
dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN (WTV), dem Landestierschutzverein
für die Steiermark, dem Tierschutzverein
Salzburg und Umgebung, dem Verein für
Tierschutz und Tierkunde in Tirol, dem Vorarlberger
Tierschutzverband und dem Villacher Tierschutzverein
vor, an einer neu erscheinenden Monatsschrift
mitzuarbeiten, die als Sprachrohr des gesamtösterreichischen
Tierschutzes dienen soll. Ihr Name: "Illustrierte
Tierwelt". Das Angebot wird dankend angenommen
und ab April 1956 erscheint der "Tierfreund" als
achtseitiger Mittelteil der "Tierwelt". Mitglieder
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, die das neue
Magazin nicht abonnieren wollen (Kosten: 36,-
Schilling/anno), erhalten den "Tierfreund" wie
gehabt vierteljährlich zugeschickt. Die
Inkorporierung des "Tierfreund" in die "Illustrierte
Tierwelt" erspart dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
erhebliche Druck- und Versandkosten. Erst im
Oktober 1977 erscheint der "Tierfreund" wieder
als eigen herausgegebenes Produkt des WTV.
Arbeitskreis österreichischer
Tierschutzvereine gegründet
Nachdem der der Verband österreichischer
Tierschutzvereine am 7. Dezember 1947 aufgelöst
worden war, kommt es zu einer Unterbrechung
der gesamtösterreichischen Tierschutzzusammenarbeit.
Das wirkt sich vor allem negativ auf das Vorantreiben
der Schaffung eines Bundestierschutzgesetzes
aus. Auf Drängen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
wird daher 1958 der Arbeitskreis österreichischer
Tierschutzvereine gegründet. Der WTV übernimmt
die Schriftführerfunktion. Weiters gehören
diesem Arbeitskreis an: Liga gegen Tierquälerei
und Vivisektion (Wien), Oberösterreichischer
Tierschutzverein (Linz), Tierschutzverein Bad
Ischl und Umgebung, Landestierschutzverein
für die Steiermark (Graz), Tierschutzverein
für Kärnten (Klagenfurt), Tierschutzverein
für Villach und Umgebung, Verein für
Tierschutz und Tierkunde in Tirol (Innsbruck),
Tierschutzverein Kufstein, Vorarlberger Tierschutzverband
(Dornbirn).
Neben dem Bundestierschutzgesetz stehen folgende
Inlandsthemen weit oben auf der Agenda: Kampf
gegen das Verbot der Hundehaltung in Mietwohnungen,
Tauben in der Stadt, Tiertransporte. Im Ausland
gilt das Hauptaugenmerk dem Singvogelmord in
Italien sowie dem spanischen Stierkampf.
Vier Jahre später, am Karsamstag des
Jahres 1962, legt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
durch Präsident Dr. Marinelli beim österreichischen
Fernsehen Protest ein. Im Rahmen einer Gedenksendung über
den Stierkampf verherrlichenden Literaten Ernest
Hemingway war die brutale Schlachtung eines
Arenastiers in Sevilla gezeigt worden. Fernsehdirektor
Gerhard Freund versichert, dass in Zukunft
keine Stierkampfszenen mehr im österreichischen
TV gezeigt werden.
Tierschutz-Tagungen in Rom und Barcelona
Vom 2.-7. Oktober 1959 nimmt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
bei der Tagung des im Jahre 1950 gegründeten
Welttierschutzbundes (WFPA) in Rom teil. Funktionäre
des WTV bekleiden innerhalb des WFPA hohe Posten:
Hofrat Dr. Pichler, Leiter des Wiener Tierschutzhauses,
ist Vizepräsident und Tierarzt Dr. Mikulicz
ist Ratsmitglied. Beide Herren setzen sich
mit großer Sachkenntnis für die
Schaffung internationaler Vorschriften für
den Transport von Tieren, schmerzlose Schlachtmethoden
sowie gegen Vivisektion ein.
Vom 6.-12. Oktober 1961 findet die Tagung
des Welttierschutzbundes in Barcelona statt.
Wieder sind Dr. Pichler und Dr. Mikulicz vor
Ort. Besichtigungen des lokalen Schlachthauses
sowie des städtischen Hunde- und Katzenauffanglagers
bringen nach Angabe der beiden WTV-Vertreter "grauenhafte
Zustände" zutage.
1962: Welttierschutzbund zu Gast in Österreich
Neben den routinemäßigen Tagungen
veranstaltete der WFPA (World Federation for
he Protection of Animals) alle vier Jahre einen
großen internationalen Kongress. 1962
ist Österreich Gastgeber. Auf Anregung
von WTV-Präsident Dr. Marinelli wird das
Ereignis zweigeteilt: der erste Teil findet
am 12. und 13. Juni in Salzburg statt, der
zweite vom 14. bis 17. Juni in Wien. Wien ist
damit nach 1864, 1883 und 1929 zum vierten
Mal Austragungsort eines bedeutenden internationalen
Tierschutzkongresses. Die TeilnehmerInnen kommen
aus 21 Ländern angereist: Argentinien,
Belgien, Brasilien, Deutschland, England, Frankreich,
Irland, Italien, Japan, Jugoslawien, Kanada,
Luxemburg, den Niederlanden, Polen, Schottland,
Schweden, Schweiz, Spanien, Tunesien, Uruguay
sowie den USA.
Zum Abschluss des Kongresses wird folgende
Reihe von Empfehlungen einstimmig verabschiedet:
1) Empfehlungen an die Mitgliedsverbände
der WFPA
a) für eine Gesetzgebung einzutreten,
die das dauernde Anketten von Hunden und das
Aussetzen von Tieren verbietet
b) die Aufzucht unerwünschter Tiere durch
Sterilisierung zu verhindern und hierfür
bedürftige Tierhalter zu 7unterstützen
c) alle Bemühungen zu unterstützen,
um grausame Sportarten und Freizeitgestaltungen
einzuschränken oder zu verbieten, sowie
für ein gesetzliches Verbot von Vorführungen
wilder Tiere in Zirkussen, Theatern und Schaustellungen
einzutreten
d) die Gründung unabhängiger nationaler "Blaukreis"-Organisationen
zu unterstützen, die Freiwillige zu Erster
Hilfe bei Tieren ausbilden und bei Unglücken
mit den Tierärzten zusammenarbeiten
2) Empfehlung an alle UNO-Mitgliedsstaaten
-) Gesetze zum Schutz der Tiere zu beschließen
3) Empfehlung an die Mitgliedsstaaten der
Organisation für Erziehung, Wissenschaft
und Kultur (UNESCO)
-) Erziehung der Jugend zum Tierschutz und
zur richtigen Tierbetreuung als Unterrichtsfach
in alle Schullehrpläne einzubauen
4) Empfehlung an die Mitgliedsstaaten der
UNESCO und der Weltgesundheitsorganisation
(WHO)
-) Bestimmungen zu erlassen, um die Leiden
und die Zahl der versuchstiere herabzusetzen
5) Empfehlung an die Mitgliedsstaaten der
WHO und des Internationalen Büros für
Seuchenbekämpfung (IOE)
-) Anstelle von Strychnin humane Methoden
zur Tötung seuchenkranker Tiere anzuwenden
6) Empfehlung an die Mitgliedsstaaten der
IOE
-) Die staatlichen Veterinärbehörden
für die Einhaltung der Tierschutzbestimmungen
beim Import und Export von Tieren verantwortlich
zu machen
7) Empfehlungen an die Mitgliedsstaaten der
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation
(FAO)
a) Vorschriften zu erlassen, die eine schmerzfreie
Tötung von Tieren sichern sollen
b) den Gebrauch von Fallen zum Fangen frei
lebender Tiere zu verbieten
8) Empfehlung an die Mitgliedsstaaten der
Internationalen Polizeiorganisation (Interpol)
-) den Welttierschutzbund WFPA zu ermächtigen,
Untersuchungen über Grausamkeiten bei
internationalen Tiertransporten vorzunehmen
und diesbezüglich Gesetzesverletzungen
zu ahnden
9) Empfehlungen an die Mitgliedsstaaten des
Europarates
a) eine Europäische Konvention über
die Regelung des Transportes lebender Tiere
durch Europa zu entwerfen
b) Gesetze zum Schutz wilder Vögel, besonders
der Zugvögel zu erlassen
10) Empfehlungen an die Spediteure in allen
Ländern
Tiertransportaufträge ohne ordnungsgemäße
Atteste und Grenzdokumente zurückweisen,
um zu verhindern, dass die Tiere durch unnötige
Verzögerungen an den Grenzen leiden müssen
3,5 Millionen WTV-Sonderpostmarken
Bereits im Advent 1955 gab der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
einen Bogen mit Tiermotiven als Verschlussmarken
heraus. Diese fanden aber meist nur bei Vereinsmitgliedern
Verwendung. Am 10. März 1966 erscheint
aus Anlass des 120-jährigen Bestehens
des WTV eine von der Post-Generaldirektion
genehmigte Sondermarke. Auflage: 3,5 Millionen
Stück. Eine breitenwirksame Werbewirkung
zum Wohle der Tiere.
1968: Stachelhalsbänder in Wien
verboten
Viele Jahre lang hatte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
ein Verbot der so genannten Korallen- und Torquatushalsbänder
gefordert. Diese quälerischen Instrumente
kamen in der Hundeausbildung zum Einsatz. Am
9. Januar 1968 ist es soweit, per Verordnung
trägt die Wiener Landesregierung den WTV-Vorstößen
endlich Rechnung. In § 1 dieser Verordnung
heißt es: "Die Verwendung von Stachelhalsbändern
für das Führen und Anhängen
sowie für die Abrichtung und Dressur von
Hunden ist verboten."
WTV weiterhin zur Führung des
Bundeswappens berechtigt
Am 4. Februar 1971 wendet sich der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN mit einem Schreiben an das
Bundesministerium für Inneres. Es geht
darum, die Berechtigung (Erlass des Bundeskanzleramtes
vom 18. Februar 1937, Zahl 171.237-4/36) zur
Führung des Bundeswappens in der Vereinszeitschrift,
auf dem Briefpapier sowie in Kalender und Werbeschriften
bekräftigt zu erhalten.
Mit Schreiben vom 21. April 1971 teilt das
Bundesministerium für Inneres dem WTV
mit, dass alle Gesetze aus der Zeit der deutschen
Besetzung aufgehoben und ungültig sind.
Fazit: "Gegen die Weiterführung des Bundeswappens
aufgrund der im Jahre 1937 erteilten Berechtigung
werden daher von Seiten des Bundesministeriums
für inneres keine Einwände erhoben."
Justizminister Broda lobt WIENER TIERSCHUTZVEREIN
Während der am 7. Oktober 1971 anlässlich
des 125-Jahr-Jubiläums abgehaltenen Festversammlung
im Wiener Konzerthaus findet Justizminister
Dr. Christian Broda Worte der Anerkennung für
den WIENER TIERSCHUTZVEREIN. Zuerst streicht
er heraus, dass der WTV aus dem Leben der Bundeshauptstadt
Wien und der Republik Österreich "nicht
fortzudenken ist". Dann geht er auf die langjährigen
Forderungen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS ein,
Tierquälerei nach dem Strafgesetz zu ahnden.
"Nun ist es endlich soweit. Ihre Bemühungen
haben Erfolg gehabt! Der Gesetzgeber der XII.
Gesetzgebungsperiode des Nationalrates hat
in seiner Sitzung vom 8. Juli 1971 der überwältigenden
Mehrheit von 150 Stimmen zur Frage der Einstellung
der Gesellschaft zum Tierschutz durch die Beschlussfassung
zum ,Strafrechtsänderungsgesetz 1971'
Stellung genommen. Wenn am 17. August 1971
dieses Gesetz in Kraft treten konnte, durch
das der Gesetzgeber den Vorschlägen der
Bundesregierung und des Bundesministeriums
für Justiz zur Schaffung eines bundeseinheitlichen
Strafschutzes gegen Tierquälerei Gesetzeskraft
verlieh, so soll bei diesem Anlass nicht verschwiegen
werden, dass allen voran der Wiener Tierschutzverein
Verdienste für diesen Erfolg in Anspruch
nehmen kann, hat sich doch die Stellungnahme
des Bundesministeriums für Justiz immer
wieder an ihren konstruktiven Vorschlägen
orientiert."
Herbst 1972: WFPA tagt in Wien
Vom 6.-8. Oktober hält der Welttierschutzbund
seine Herbsttagung in Wien ab. WFPA-Vizepräsident
Dr. Mikulicz berichtet dabei, dass der Welttierschutzbund
nunmehr einen ständigen Vertreter bei
den Vereinten Nationen habe bzw. dass die UNESCO
dem WFPA einen Beraterstatus zuerkannt hat.
Ein weiteres wichtiges Thema der Tagung ist
die Anti-Pelz-Kampagne. Damit schließt
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN wieder verstärkt
an seine diesbezüglichen Vorkriegstätigkeiten
an.
1973: Zäsur an der Vereinsspitze
Am 22. März 1973 stirbt Dr. Mikulicz,
der unermüdliche Motor des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.
Immer wieder hatte er für Furore gesorgt,
u.a. 1971, als er einen Storch das Leben rettete,
der von einem Pfeil durchbohrt worden war.
Wenig später, am 16. April, erliegt die
Galionsfigur, Prof. Marinelli, nach kurzer
Krankheit dem Tod. 21 Jahre war er dem WTV
vorgestanden. Sein Nachfolger wird Kommerzialrat
Heinrich Trachtenberg, als neuer Leiter des
Tierschutzhauses folgt der Veterinär Dr.
Friedrich Flekna nach.
Mit den neuen Köpfen geht auch eine Veränderung
im Vereinsgeschehen einher. Ab 1974 werden
die traditionellen Feierlichkeiten des WTV
zum Welttierschutztag nicht mehr mit Ansprachen
und künstlerischen Darbietungen im Konzerthaus
abgehalten, sondern rund um den 4. Oktober
während eines "Tags der Offenen Tür" im
Wiener Tierschutzhaus.
"Ich und du und wir dazu"
Dieser Spruch ziert ab März 1975 in Wien
affichierte Tierschutzplakate. Die damalige "Propagandaleiterin" des
WTV, Edith Klinger, formuliert damit, dass
in einer idealen Lebens- und Wohngemeinschaft
auch ein Haustier miteinbezogen werden soll. "Tierschutz
ist ,in'", heißt es in einem weiteren
zeitgeistigen Slogan. Ein Jahr später
leitet Frau Klinger im Wiener Tierschutzhaus
in Anwesenheit zahlreicher Jugendlicher das
so genannte "Kleine Tierschutzparlament". Dabei
werden Themen wie Tierversuche, Hühnermassenhaltung
oder Stierkampf angesprochen. Von Januar bis
Februar 1977 hängen an Wiens Plakatwänden
Bilder mit dem Gesicht eines Hundewelpen. Darüber
steht: ". und wer hilft uns?". Im Juli 1977
gibt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN den "Tierfreund" wieder
selbst heraus. Damit ist für den WTV die Ära
der modernen Massenkommunikation angebrochen.
Fortsetzung folgt