Teil 8: Phönix
aus der Weltkriegs-Asche
Der WTV im Jahrzehnt
nach 1945
Phönix und Staatsadler
Im alten Ägypten und antiken Griechenland
galt der Phönix als Zaubervogel - als
ein Geschöpf mit der Fähigkeit der
immer wiederkehrenden Erneuerung. Näherte
sich seine Lebensspanne ihrem Ende, verbrannte
er sich selbst und erwuchs aus seiner Asche
neu: gesünder und stärker als zuvor.
Ein schönes Gleichnis für das Geschick
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS nach dem II. Weltkrieg.
Buchstäblich aus Bombenhagel, Feuer, Asche
und Verwüstung erstand der WTV neu - ohne
die Altlast der Nazi-Propaganda. Ähnliches
galt auch für die Republik Österreich,
die ab nun nicht länger "Ostmark" hieß.
Ist der Staatsadler etwa gar ein Verwandter
des Vogels Phönix?
"Der Tierfreund" erscheint wieder
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN ging 1947 mit
viel Hoffnung und Verve einer neuen Ära
entgegen. Am 22. April wurde bei der ersten
Generalversammlung nach dem II. Weltkrieg Regierungsrat
Rudolf Schmidhuber zum Präsidenten gewählt.
Die Öffentlichkeitsarbeit des WTV wurde
wie schon 1946 durch die Monatshefte "Wiener
Tierpost" als auch in den zwei "Mitteilungen
des Wiener Tierschutzvereins" transportiert.
Die finanzielle Situation des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
stabilisierte sich rasch. So war auch wieder
an das vereinseigene Mitgliedermagazin zu denken.
Ab Januar 1948 erschien "Der Tierfreund" wieder - und
zwar alle zwei Monate. Der Bezug des Heftes
war im jährlichen Mitgliedsbeitrag von
sechs Schilling inkludiert.
Bundesgesetz: Steter Tropfen höhlt
den Stein
1947 gelang es dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
auch, das Unterrichtsministerium davon zu überzeugen,
das Thema Tierschutz in den Vorlesungsplan
der Wiener Tierärztlichen Hochschule aufzunehmen.
Gemäß Bundesgesetzblatt Nr. 73/1946
wurde der Tierschutz als Prüfungsgegenstand
der 3. Staatsprüfung neu eingeführt.
An das Bundeskanzleramt richtete der WTV das
Ersuchen, bei der Neufassung des Bundesverfassungsgesetzes
dem Art. 10 Absatz 10 ("Veterinärwesen")
das Aufgabengebiet "Tierschutz" anzufügen.
Dadurch wäre die Kompetenzfrage gelöst
und der Weg zu einem bundeseinheitlichen Tierschutzgesetz
freigemacht gewesen. Bundeskanzler Figl sagte
in einem persönlichen Schreiben seine
Unterstützung in Sachen Tierschutz zu.
Das alles waren vorerst natürlich nur
Tropfen auf den heißen Stein. Erst 2005
trat das lang ersehnte Bundestierschutzgesetz
in Kraft. Womit aber bewiesen wäre: Steter
Tropfen höhlt den Stein.
WTV forderte Begleitung von Tiertransporten
Praktisch vom Beginn seines Bestehens an machte
die Tiertransportproblematik ein Kernstück
der Tierschutzpolitik des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
aus. Im November reagierte das Bundesministerium
für Land- und Forstwirtschaft auf einen
neuerlichen Vorstoß des WTV folgendermaßen: "An
den Wiener Tierschutzverein: Auf Ihre Zuschriften
wird mitgeteilt, daß mit allen maßgebenden
Stellen Fühlung genommen wurde, um eine
möglichst klaglose Abwicklung von Viehtransporten
zu gewährleisten. Insbesondere werden
in Hinkunft Viehtransporte bei einer voraussichtlichen
Transportdauer von 36 Stunden begleitet werden
müssen, sodaß für eine entsprechende
Wartung der Tiere während des Transportes
gesorgt ist."
Juli 1949: Wien erhielt Tierschutzgesetz
Nach einem ausführlichen Referat des
1. Vizepräsidenten des WIENER TIERSCHUTZVEREINS,
Gemeinderat Hans Winter, beschloss der Wiener
Landtag am 15. Juli 1949 einstimmig ein "Tierschutzgesetz
für Wien" mit dem vom WTV erbetenen Änderungen
und Verbesserungen. Mit diesem Gesetz wurde
die Ministerialverordnung vom 15. Februar 1855,
RGBl. Nr. 31, außer Kraft gesetzt, nach
der für die Ahndung einer Tierquälerei
erst ein "öffentliches Ärgernis" vorliegen
musste. Ab nun waren Tierquälereien auch
in privaten Wohnungen, Stallungen, auf einsamen
Straßen bzw. ohne fremde Zuschauer erfasst.
Der Strafrahmen wurde von 14 Tage Arrest oder
100 Gulden auf sechs Wochen Arrest und/oder
3.000 Schilling Geldstrafe angehoben.
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN begrü0ßte
dieses neue Gesetz, strebte aber weiterhin
ein einheitliches Tierschutzgesetz für
alle österreichischen Bundesländer
an. Außerdem müssten, so Vereinspräsident
Schmidhuber, zufrieden stellende Regelungen
auch in den Bereichen Schächten respektive
Vivisektion erreicht werden.
Weihnachtsfeier für die Vögel
Um die Jugend zu TierschützerInnen zu
erziehen, hatte die Vereinsleitung im Januar
1949 ein eigenes Jugendreferat errichtet, das
für Vorträge, Preisausschreiben,
Führungen und andere Aktivitäten
sorgte. Am 17. Dezember 1950 lud der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN im Volksgarten zur "Weihnachtsfeier
für die Vögel". "Diese kleine Feier
soll die Herzen der Menschen aufrütteln,
damit sie der notleidenden Kreatur gedenken.
Mehrere hundert Schulkinder und Pfadfinder
werden an dieser Veranstaltung teilnehmen,
um die Jugend für den Tierschutzgedanken
zu gewinnen", hieß es am Titelblatt vom "Tierfreund" 11/12
1950.
Ärger über laienhafte Kastrierungen
im ländlichen Raum
Auf Seite 4 desselben Heftes findet sich folgende
Meldung: "In der bäuerlichen Bevölkerung
herrscht noch immer die Unsitte, daß Kastrierungen
der Haustiere nicht von den jetzt wohl in genügender
Zahl überall verfügbaren graduierten
und wissenschaftlich geeichten Tierärzten,
sondern durch Laien, denen die entsprechende
fachliche Vorbildung selbstverständlich
fehlt und die überdies auch gar nicht
berechtigt sind, Betäubungsmittel anzuwenden,
vorgenommen werden."
Reizthema Hundesteuer
Unter der Rubrik "Wie steht die öffentliche
Hand zum Tierschutz" schrieb der "Tierfreund":
Die Gemeinde Wien nimmt für Hundesteuer
jährlich einen Betrag von zirka 1,3 Millionen
Schilling ein, wovon dem Wiener Tierschutzverein
S 8000,- als Subvention gegeben werden. Der
Verein verwendet diesen Betrag fast zur Gänze
zum Ankauf von Hundemarken für unbemittelte
Hundebesitzer. Anderswo, z.B. in New York,
fließt der gesamte Betrag der Hundesteuer
den örtlichen Tierschutzvereinen zu".
Wien: Neuer Tierrettungswagen im Einsatz
Am 16. August 1950 wurde unter Beisein von
WTV-Präsident Schmidhuber ein neuer Tierrettungswagen
der Wiener Feuerwehr in Dienst gestellt, der
gegenüber dem alten Tierrettungswagen
einige wesentliche Verbesserungen aufwies.
Im Unterschied zum Vorgängergefährt
war z.B. der Führerraum mit dem Laderaum
durch eine Rolltüre verbunden. Durch ein
Fenster in dieser Tür konnte das Tier
während der Fahrt beobachtet werden. Ein
weiterer großer Vorteil war, dass die
Rodel, auf welche die Tiere gelegt wurden,
nicht mehr wie früher mit Handkraft, sondern
motorisch betätigt wurden. Für alle
Oldtimer-FreundInnen, die es genau wissen wollen:
Es handelte sich um ein Auto der Marke Daimler-Benz
L 4500 F mit Sechszylinder-Dieselmotor und
einer Leistung von 112 PS. Der Wagen diente
der Bergung und Beförderung von Großtieren,
wie Pferden und Rindern, welche bei Unfällen
verletzt worden bzw. auf der Straße oder
im Stall plötzlich erkrankten.
Internationaler Tierschutzkongress
in Den Haag
Vom 28. bis 31. August 1950 versammelten sich
auf Einladung der Königlich-Holländischen
Gesellschaft zum Schutz der Tiere im Kurhaus
von Scheveningen mehr als 70 internationale
Tierschutzvereinigungen. Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
war durch den Rechtsanwalt Dr. Hugo Zörnlaib,
der auch als Delegierter der anderen österreichischen
Tierschutzvereine fungierte, vertreten. Insgesamt
wurden in Den Haag zwanzig verschiedene Tierschutzthemen
diskutiert, darunter Quarantänemaßnahmen,
Vogelschutz, Kupieren von Hunden und Pferden,
Zug- und Kettenhunde, Jagd, Tierschutz und
Erziehung. Besonders interessant waren folgende
Empfehlungen der KongressteilnehmerInnen (Originalzitate
aus dem "Tierfreund" 11/12 1950; Seite 2)
Punkt 4: Zirkusunternehmen :
Der Kongreß schlägt die vollkommene
Ausschaltung von Vorführungen von Tieren
in Zirkusunternehmungen etc. vor.
Anmerkung des Redakteurs: Das Wildtierverbot
in Zirkussen ist erst mit dem Bundestierschutzgesetz
vom 1.1.2005 in Kraft getreten.
Punkt 5: Zoologische Gärten :
A. Der Kongreß ist der Ansicht, daß wissenschaftliche
zoologische Gärten auf einen pro fünfzehn
Millionen Einwohner beschränkt werden
sollten. B. Der Kongreß empfiehlt dringend
die sofortige Beseitigung aller nicht-wissenschaftlichen,
kommerziellen Tiergärten und ähnlicher
Einrichtungen.
Punkt 11: Vivisektion : Der
Kongreß schlägt die gesetzliche
Abschaffung der Vivisektion in allen Ländern
vor.
Punkt 19: Vegetarismus :
Der Kongreß schlägt vor, den Konsum
von Tieren als Nahrungsmittel so weit als möglich
in jedem Land zu beschränken.
1951: Tierschutzlotterie wieder abgehalten
Die Tierschutzlotterie des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
war ja bereits im Jahr 1926 ins Leben gerufen
worden. Von 1938 bis 1950 gab es nazi- und
kriegsbedingt eine Unterbrechung. Am 9. Juni
1951 kam es zur Ziehung der ersten Tierschutzlotterie
des WTV nach dem II. Weltkrieg. Der Erlös
dieser (1.) Lotterie wurde der Anschaffung
eines Tierrettungsautos und dem weiteren Ausbau
des Tierschutzhauses am Khlesplatz gewidmet.
Am 12. Juni 1954 kam es zu einer Erweiterung
des Kreises der Lotteriebegünstigten.
Ab nun kam der Reinerlös auch den Landestierschutzvereinen
für Oberösterreich, Salzburg, Steiermark,
Tirol, Vorarlberg sowie den Tierschutzvereinen
Bad Ischl und Villach zugute.
Am 9. Mai 1952 war es zu einem Wechsel in
der Vereinsleitung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
gekommen. Universitätsprofessor Wilhelm
Marinelli wurde zum Präsidenten gewählt.
Damit stand erstmals ein Zoologe an der Spitze
des WTV.
Fahrpreisermäßigung für
Hunde durch die ÖBB
Im "Tierfreund" vom Oktober/November/Dezember
1954 stand zu lesen: "Wie wir im Heft 4/5/6
des ,Tierfreundes' bereits mitgeteilt hatten,
haben die Österr. Bundesbahnen, den Anträgen
und Bitten unseres Vereinsvorstandes Rechnung
tragend, eine Fahrpreisermäßigung
für Hunde im Nahverkehr (auf Entfernungen
bis zu 150 km) zugestanden; hiedurch wurde
einem dringenden Bedürfnis entsprochen
und vor allem den Hundehaltern der großen
Städte, insbesondere Wiens, das Aufsuchen
der Sommerfrischen und Erholungsorte in Begleitung
ihrer vierbeinigen Lieblinge wesentlich erleichtert,." Am
23. Mai 1954 trat diese Fahrpreisermäßigung
für Hunde in Kraft.
"Über die Gesunderhaltung der
Großstadthunde".
In der Juli/August/September-Ausgabe des "Tierfreund" von
1955 fand sich in der Kolumne "Hier spricht
der Tierarzt" der Aufsatz "Über die Gesunderhaltung
der Großstadthunde". Darin hieß es
(auszugsweise zitiert): "Großstadthunde
führen im allgemeinen ein höchst
artfremdes Dasein. Diesen Mangel einigermaßen
wettzumachen, bedarf es der Erfüllung
einer reihe von Vorbedingungen in Wartung und
Pflege. (.) Oberstes Gebot jeder Stadthundehaltung,
gegen das am häufigsten gesündigt
wird, ist es, den Tieren ausreichende Bewegungsmöglichkeit
zu bieten. Das Aktionsbedürfnis des unverbildeten
und besonders des jüngeren, gesunden Hundes übertrifft
das des Menschen (.) bei weitem. (.) Maulkorb
und Leinen sind Zwangsvorrichtungen - tun wir
des Guten nicht zu viel - eines der beiden Übel
genügt auch in der Stadt den Anforderungen
des Gesetzes! (.) Die Gemeinschaft mit dem
Herrn ist ein wesentlicher Faktor für
das Wohlbefinden des gut gehaltenen Hundes.
Lassen wir unsere Hunde aus Bequemlichkeits-
oder Gedankenlosigkeitsgründen nicht öfter
und länger allein, als es es zwingende
Gründe notwendig machen. Sind diese unüberbrückbar,
ist von der Neuanschaffung eines Hundes in
dessen Interesse abzuraten.(..)".
Welttierschutztag 1955 mit 15.000
TeilnehmerInnen
Rund um den Welttierschutztag 1955 zeichnete
sich der WIENER TIERSCHUTZVEREIN durch die
Organisation eines besonders reichhaltigen
Programms aus. Der Schulfunk von Radio Wien
gab sendete ein Hörspiel, WTV-Präsident
Marinelli hielt eine Fernseh-Ansprache, im
Mittleren Konzerthaussaal gab es eine Feier
und - last but not least - vor der Karlskirche
fand die erste Tiersegnung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
mit geschätzten 15.000 (!) TeilnehmerInnen
statt. Ein besonderer Sektor war den Kriegsblinden
mit ihren Hunden gewidmet. Zehn Jahre nach
Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN zu alter Stärke zurückgefunden.
Übrigens: Eine Dame war schon noch früher
- am Welttierschutztag 1951 - für den
WTV aktiv: Allround-Künstlerin Elfriede
Ott. Bis heute hat uns Frau Kammerschauspielerin
die Treue gehalten. Danke!
Fortsetzung folgt