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Wiener Tierschutzverein

Triesterstraße 8 (368)
2331 Vösendorf (Stadtgrenze Wien)

Telefon: 01 / 699 24 50 - 0
Fax: 01 / 699 24 50 - 98
Tierrettung: 01 / 699 24 80

Email: office@wr-tierschutzverein.org

Teil 8: Phönix aus der Weltkriegs-Asche

Der WTV im Jahrzehnt nach 1945

Phönix und Staatsadler

Im alten Ägypten und antiken Griechenland galt der Phönix als Zaubervogel - als ein Geschöpf mit der Fähigkeit der immer wiederkehrenden Erneuerung. Näherte sich seine Lebensspanne ihrem Ende, verbrannte er sich selbst und erwuchs aus seiner Asche neu: gesünder und stärker als zuvor. Ein schönes Gleichnis für das Geschick des WIENER TIERSCHUTZVEREINS nach dem II. Weltkrieg. Buchstäblich aus Bombenhagel, Feuer, Asche und Verwüstung erstand der WTV neu - ohne die Altlast der Nazi-Propaganda. Ähnliches galt auch für die Republik Österreich, die ab nun nicht länger "Ostmark" hieß. Ist der Staatsadler etwa gar ein Verwandter des Vogels Phönix?

"Der Tierfreund" erscheint wieder

Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN ging 1947 mit viel Hoffnung und Verve einer neuen Ära entgegen. Am 22. April wurde bei der ersten Generalversammlung nach dem II. Weltkrieg Regierungsrat Rudolf Schmidhuber zum Präsidenten gewählt. Die Öffentlichkeitsarbeit des WTV wurde wie schon 1946 durch die Monatshefte "Wiener Tierpost" als auch in den zwei "Mitteilungen des Wiener Tierschutzvereins" transportiert. Die finanzielle Situation des WIENER TIERSCHUTZVEREINS stabilisierte sich rasch. So war auch wieder an das vereinseigene Mitgliedermagazin zu denken. Ab Januar 1948 erschien "Der Tierfreund" wieder - und zwar alle zwei Monate. Der Bezug des Heftes war im jährlichen Mitgliedsbeitrag von sechs Schilling inkludiert.

Bundesgesetz: Steter Tropfen höhlt den Stein

1947 gelang es dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN auch, das Unterrichtsministerium davon zu überzeugen, das Thema Tierschutz in den Vorlesungsplan der Wiener Tierärztlichen Hochschule aufzunehmen. Gemäß Bundesgesetzblatt Nr. 73/1946 wurde der Tierschutz als Prüfungsgegenstand der 3. Staatsprüfung neu eingeführt. An das Bundeskanzleramt richtete der WTV das Ersuchen, bei der Neufassung des Bundesverfassungsgesetzes dem Art. 10 Absatz 10 ("Veterinärwesen") das Aufgabengebiet "Tierschutz" anzufügen. Dadurch wäre die Kompetenzfrage gelöst und der Weg zu einem bundeseinheitlichen Tierschutzgesetz freigemacht gewesen. Bundeskanzler Figl sagte in einem persönlichen Schreiben seine Unterstützung in Sachen Tierschutz zu. Das alles waren vorerst natürlich nur Tropfen auf den heißen Stein. Erst 2005 trat das lang ersehnte Bundestierschutzgesetz in Kraft. Womit aber bewiesen wäre: Steter Tropfen höhlt den Stein.

WTV forderte Begleitung von Tiertransporten

Praktisch vom Beginn seines Bestehens an machte die Tiertransportproblematik ein Kernstück der Tierschutzpolitik des WIENER TIERSCHUTZVEREINS aus. Im November reagierte das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft auf einen neuerlichen Vorstoß des WTV folgendermaßen: "An den Wiener Tierschutzverein: Auf Ihre Zuschriften wird mitgeteilt, daß mit allen maßgebenden Stellen Fühlung genommen wurde, um eine möglichst klaglose Abwicklung von Viehtransporten zu gewährleisten. Insbesondere werden in Hinkunft Viehtransporte bei einer voraussichtlichen Transportdauer von 36 Stunden begleitet werden müssen, sodaß für eine entsprechende Wartung der Tiere während des Transportes gesorgt ist."

Juli 1949: Wien erhielt Tierschutzgesetz

Nach einem ausführlichen Referat des 1. Vizepräsidenten des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, Gemeinderat Hans Winter, beschloss der Wiener Landtag am 15. Juli 1949 einstimmig ein "Tierschutzgesetz für Wien" mit dem vom WTV erbetenen Änderungen und Verbesserungen. Mit diesem Gesetz wurde die Ministerialverordnung vom 15. Februar 1855, RGBl. Nr. 31, außer Kraft gesetzt, nach der für die Ahndung einer Tierquälerei erst ein "öffentliches Ärgernis" vorliegen musste. Ab nun waren Tierquälereien auch in privaten Wohnungen, Stallungen, auf einsamen Straßen bzw. ohne fremde Zuschauer erfasst. Der Strafrahmen wurde von 14 Tage Arrest oder 100 Gulden auf sechs Wochen Arrest und/oder 3.000 Schilling Geldstrafe angehoben.

Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN begrü0ßte dieses neue Gesetz, strebte aber weiterhin ein einheitliches Tierschutzgesetz für alle österreichischen Bundesländer an. Außerdem müssten, so Vereinspräsident Schmidhuber, zufrieden stellende Regelungen auch in den Bereichen Schächten respektive Vivisektion erreicht werden.

Weihnachtsfeier für die Vögel

Um die Jugend zu TierschützerInnen zu erziehen, hatte die Vereinsleitung im Januar 1949 ein eigenes Jugendreferat errichtet, das für Vorträge, Preisausschreiben, Führungen und andere Aktivitäten sorgte. Am 17. Dezember 1950 lud der WIENER TIERSCHUTZVEREIN im Volksgarten zur "Weihnachtsfeier für die Vögel". "Diese kleine Feier soll die Herzen der Menschen aufrütteln, damit sie der notleidenden Kreatur gedenken. Mehrere hundert Schulkinder und Pfadfinder werden an dieser Veranstaltung teilnehmen, um die Jugend für den Tierschutzgedanken zu gewinnen", hieß es am Titelblatt vom "Tierfreund" 11/12 1950.

Ärger über laienhafte Kastrierungen im ländlichen Raum

Auf Seite 4 desselben Heftes findet sich folgende Meldung: "In der bäuerlichen Bevölkerung herrscht noch immer die Unsitte, daß Kastrierungen der Haustiere nicht von den jetzt wohl in genügender Zahl überall verfügbaren graduierten und wissenschaftlich geeichten Tierärzten, sondern durch Laien, denen die entsprechende fachliche Vorbildung selbstverständlich fehlt und die überdies auch gar nicht berechtigt sind, Betäubungsmittel anzuwenden, vorgenommen werden."

Reizthema Hundesteuer

Unter der Rubrik "Wie steht die öffentliche Hand zum Tierschutz" schrieb der "Tierfreund": Die Gemeinde Wien nimmt für Hundesteuer jährlich einen Betrag von zirka 1,3 Millionen Schilling ein, wovon dem Wiener Tierschutzverein S 8000,- als Subvention gegeben werden. Der Verein verwendet diesen Betrag fast zur Gänze zum Ankauf von Hundemarken für unbemittelte Hundebesitzer. Anderswo, z.B. in New York, fließt der gesamte Betrag der Hundesteuer den örtlichen Tierschutzvereinen zu".

Wien: Neuer Tierrettungswagen im Einsatz

Am 16. August 1950 wurde unter Beisein von WTV-Präsident Schmidhuber ein neuer Tierrettungswagen der Wiener Feuerwehr in Dienst gestellt, der gegenüber dem alten Tierrettungswagen einige wesentliche Verbesserungen aufwies. Im Unterschied zum Vorgängergefährt war z.B. der Führerraum mit dem Laderaum durch eine Rolltüre verbunden. Durch ein Fenster in dieser Tür konnte das Tier während der Fahrt beobachtet werden. Ein weiterer großer Vorteil war, dass die Rodel, auf welche die Tiere gelegt wurden, nicht mehr wie früher mit Handkraft, sondern motorisch betätigt wurden. Für alle Oldtimer-FreundInnen, die es genau wissen wollen: Es handelte sich um ein Auto der Marke Daimler-Benz L 4500 F mit Sechszylinder-Dieselmotor und einer Leistung von 112 PS. Der Wagen diente der Bergung und Beförderung von Großtieren, wie Pferden und Rindern, welche bei Unfällen verletzt worden bzw. auf der Straße oder im Stall plötzlich erkrankten.

Internationaler Tierschutzkongress in Den Haag

Vom 28. bis 31. August 1950 versammelten sich auf Einladung der Königlich-Holländischen Gesellschaft zum Schutz der Tiere im Kurhaus von Scheveningen mehr als 70 internationale Tierschutzvereinigungen. Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN war durch den Rechtsanwalt Dr. Hugo Zörnlaib, der auch als Delegierter der anderen österreichischen Tierschutzvereine fungierte, vertreten. Insgesamt wurden in Den Haag zwanzig verschiedene Tierschutzthemen diskutiert, darunter Quarantänemaßnahmen, Vogelschutz, Kupieren von Hunden und Pferden, Zug- und Kettenhunde, Jagd, Tierschutz und Erziehung. Besonders interessant waren folgende Empfehlungen der KongressteilnehmerInnen (Originalzitate aus dem "Tierfreund" 11/12 1950; Seite 2)

Punkt 4: Zirkusunternehmen : Der Kongreß schlägt die vollkommene Ausschaltung von Vorführungen von Tieren in Zirkusunternehmungen etc. vor.

Anmerkung des Redakteurs: Das Wildtierverbot in Zirkussen ist erst mit dem Bundestierschutzgesetz vom 1.1.2005 in Kraft getreten.

Punkt 5: Zoologische Gärten : A. Der Kongreß ist der Ansicht, daß wissenschaftliche zoologische Gärten auf einen pro fünfzehn Millionen Einwohner beschränkt werden sollten. B. Der Kongreß empfiehlt dringend die sofortige Beseitigung aller nicht-wissenschaftlichen, kommerziellen Tiergärten und ähnlicher Einrichtungen.

Punkt 11: Vivisektion : Der Kongreß schlägt die gesetzliche Abschaffung der Vivisektion in allen Ländern vor.

Punkt 19: Vegetarismus : Der Kongreß schlägt vor, den Konsum von Tieren als Nahrungsmittel so weit als möglich in jedem Land zu beschränken.

1951: Tierschutzlotterie wieder abgehalten

Die Tierschutzlotterie des WIENER TIERSCHUTZVEREINS war ja bereits im Jahr 1926 ins Leben gerufen worden. Von 1938 bis 1950 gab es nazi- und kriegsbedingt eine Unterbrechung. Am 9. Juni 1951 kam es zur Ziehung der ersten Tierschutzlotterie des WTV nach dem II. Weltkrieg. Der Erlös dieser (1.) Lotterie wurde der Anschaffung eines Tierrettungsautos und dem weiteren Ausbau des Tierschutzhauses am Khlesplatz gewidmet. Am 12. Juni 1954 kam es zu einer Erweiterung des Kreises der Lotteriebegünstigten. Ab nun kam der Reinerlös auch den Landestierschutzvereinen für Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg sowie den Tierschutzvereinen Bad Ischl und Villach zugute.

Am 9. Mai 1952 war es zu einem Wechsel in der Vereinsleitung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS gekommen. Universitätsprofessor Wilhelm Marinelli wurde zum Präsidenten gewählt. Damit stand erstmals ein Zoologe an der Spitze des WTV.

Fahrpreisermäßigung für Hunde durch die ÖBB

Im "Tierfreund" vom Oktober/November/Dezember 1954 stand zu lesen: "Wie wir im Heft 4/5/6 des ,Tierfreundes' bereits mitgeteilt hatten, haben die Österr. Bundesbahnen, den Anträgen und Bitten unseres Vereinsvorstandes Rechnung tragend, eine Fahrpreisermäßigung für Hunde im Nahverkehr (auf Entfernungen bis zu 150 km) zugestanden; hiedurch wurde einem dringenden Bedürfnis entsprochen und vor allem den Hundehaltern der großen Städte, insbesondere Wiens, das Aufsuchen der Sommerfrischen und Erholungsorte in Begleitung ihrer vierbeinigen Lieblinge wesentlich erleichtert,." Am 23. Mai 1954 trat diese Fahrpreisermäßigung für Hunde in Kraft.

"Über die Gesunderhaltung der Großstadthunde".

In der Juli/August/September-Ausgabe des "Tierfreund" von 1955 fand sich in der Kolumne "Hier spricht der Tierarzt" der Aufsatz "Über die Gesunderhaltung der Großstadthunde". Darin hieß es (auszugsweise zitiert): "Großstadthunde führen im allgemeinen ein höchst artfremdes Dasein. Diesen Mangel einigermaßen wettzumachen, bedarf es der Erfüllung einer reihe von Vorbedingungen in Wartung und Pflege. (.) Oberstes Gebot jeder Stadthundehaltung, gegen das am häufigsten gesündigt wird, ist es, den Tieren ausreichende Bewegungsmöglichkeit zu bieten. Das Aktionsbedürfnis des unverbildeten und besonders des jüngeren, gesunden Hundes übertrifft das des Menschen (.) bei weitem. (.) Maulkorb und Leinen sind Zwangsvorrichtungen - tun wir des Guten nicht zu viel - eines der beiden Übel genügt auch in der Stadt den Anforderungen des Gesetzes! (.) Die Gemeinschaft mit dem Herrn ist ein wesentlicher Faktor für das Wohlbefinden des gut gehaltenen Hundes. Lassen wir unsere Hunde aus Bequemlichkeits- oder Gedankenlosigkeitsgründen nicht öfter und länger allein, als es es zwingende Gründe notwendig machen. Sind diese unüberbrückbar, ist von der Neuanschaffung eines Hundes in dessen Interesse abzuraten.(..)".

Welttierschutztag 1955 mit 15.000 TeilnehmerInnen

Rund um den Welttierschutztag 1955 zeichnete sich der WIENER TIERSCHUTZVEREIN durch die Organisation eines besonders reichhaltigen Programms aus. Der Schulfunk von Radio Wien gab sendete ein Hörspiel, WTV-Präsident Marinelli hielt eine Fernseh-Ansprache, im Mittleren Konzerthaussaal gab es eine Feier und - last but not least - vor der Karlskirche fand die erste Tiersegnung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS mit geschätzten 15.000 (!) TeilnehmerInnen statt. Ein besonderer Sektor war den Kriegsblinden mit ihren Hunden gewidmet. Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN zu alter Stärke zurückgefunden.

Übrigens: Eine Dame war schon noch früher - am Welttierschutztag 1951 - für den WTV aktiv: Allround-Künstlerin Elfriede Ott. Bis heute hat uns Frau Kammerschauspielerin die Treue gehalten. Danke!

Fortsetzung folgt

Einführungsseminar Betreuungspaten
12. September 2008, 18:30 Uhr
Terminvormerkung Hundewandertag
13. September 2008