Teil 7: "Der
Tierfreund" während
des II. Weltkrieges
Grenzgang zwischen Tierschutz und Propaganda
Wie bereits in der vorigen Nummer zu lesen
stand, hatte Österreich mit dem Anschluss
an das Deutsche Reich zu existieren aufgehört,
und auch der WIENER TIERSCHUTZVEREIN verschwand
in dieser Zeit als eigenständige Organisation.
Alles wurde von Deutschland aus gesteuert,
dementsprechend berichtete " Der Tierfreund " in
seiner Funktion als " Ostmärkisches
Organ des Reichstierschutzbundes " zu
einem Gutteil über Belange aus Großdeutschland
oder von der Front. Hingegen gerieten Reportagen über
den Tierschutzalltag in Wien und Umgebung ins
Hintertreffen.
" Tierliebe gehirnlich, Tierliebe
mit dem Herzen "
Im Heft 1/1939 erschien ein über zwei
Seiten langer Grundsatzartikel mit der Überschrift " Tierliebe
gehirnlich, Tierliebe mit dem Herzen ".
Dieser Text liest sich passagenweise sehr interessant
und weist durchaus Gegenwartsbezug auf. Einige
Auszüge daraus: "Wenn es nach dem Reden
allein ginge, dann gäbe es fast nur Tierfreunde
auf der Welt; mindestens jeder dritte Mensch
wird durchaus überzeugt sagen: ,Natürlich
bin ich schon seit langem ein Tierfreund!'
Fragt man ihn aber, wieso er sich dafür
halte, dann bekommt man die erstaunlichen Antworten: ,Oh,
ich gehe mindestens jedes Jahr einmal am billigen
Sonntag in den Zoo!' - ,Mein Bruder hat einen
Laubfrosch, dem fange ich öfters ein paar
Fliegen!' - ,Wir haben im vorigen Sommer in
unserem Schrebergarten ein Schwein fett gemacht,
das wurde jeden Sonntagmorgen von mir mit grünem
Salat begrüßt!' - ,Meinem Hund brachte
ich nach kaum 3 Wochen bei, auf den Hinterfüßen
zu gehen und gleichzeitig meine lange Tabakspfeife
zwischen den Zähnen zu halten. Er hat
jedes Mal vor Freude gegrinst!' - ,Was, ob
ich ein Tierfreund bin? Seit 15 Jahren züchte
ich Langohr-Kaninchen (oder Goldfische, oder
Tauben) und hole mir fast bei jeder Ausstellung
einen Preis!'
Und weiter: "Aber, aber - berechtigen uns
diese seither erwähnten, mittelbaren oder
unmittelbaren Beziehungen zum Tier, uns nun
schon Tierfreunde zu nennen? Hat dies alles
irgend etwas mit Tierliebe zu tun, oder ist
es nicht weit eher die Befriedigung selbstsüchtiger
Triebe, Vergnügen, Sport, Nutzzweck, vielleicht
sogar ein wenig Eitelkeit?
Ich jedenfalls lege einen wesentlich strengeren
Maßstab an die Bezeichnung ,Tierfreund'.
Nicht der Mensch darf sich so nennen, der aus
irgendeinem Grund sich dann und wann mit einem
Tier oder einer Tierart abgibt, weil er das
entweder lustig findet, sportlich unterhaltsam
oder nützlich, sondern Tierfreund ist
nur derjenige, der aus seinem Inneren heraus
die Tiere liebt, ganz ohne einen egoistischen
Zweck. Vom Verstand her kann man nicht Tierfreund
sein, da wird gehirnlich unterschieden zwischen
schön und häßlich, gut und
böse, zweckmäßig und nutzlos,
klug und dumm, unterhaltsam und langweilig,
kostbar und wertlos. Der richtige Tierfreund
erweist sich durch sein Herz, durch seine liebevolle
Einstellung zur Gesamtheit der belebten Natur.
Es geht nicht an, daß jemand seine ,Tierliebe'
folgendermaßen erklärt: ,Hunde sind
geradezu eine Leidenschaft von mir; die Katzen
kann ich allerdings auf den Tod nicht leiden."
Über Laufkette und Röntgengerät
Im " Tierfreund " 4/1939 galt die
Titelgeschichte den Mindestanforderungen für
Kettenhunden: "Wetterfeste Hundehütte,
genügend lange Laufkette bzw. bebaute
und gepflegte Umgebung" mussten vorhanden sein.
Weiters sprach sich Ministerialrat Dr. Glese
(Berlin) gegen Glücksspiele mit lebenden
Tieren aus: "Bei solchen Verlosungen passieren öfters
unerfreuliche und erhebliche Tierquälereien." Zudem
wird über die Anschaffung einer "mit allen
Mitteln der Neuzeit ausgestatteten" Röntgenanlage
berichtet.
Tiere als Kriegsgefährten
Der "Tierfreund" 6/1939 machte mit dem Artikel "Tierschutz
im Kriege" auf. Anlässlich des Reichstierschutztages - am
24. November - stand geschrieben: "Groß ist
die Zahl der Tierschützer, die draußen
an der Front treu ihre Pflicht erfüllen
für Führer und Reich.". Das war natürlich
schon im Ansatz Propaganda pur. All die Schlachtengräuel,
die neben Abertausenden Menschenleben auch
unzähligen Tieren den Tod brachten, wurden
ausgeblendet, Pferde oder Hunde hingegen als
treue Gefährten der deutschen Wehrmacht
präsentiert.
Propagandafaktor Hitlerjugend
Ausgabe 1/1940 berichtete, dass der Tierschutzverein
Wien und Umgebung für sein Arbeitsgebiet "Niederdonau" (das
heutige Niederösterreich) mit der Gebietsführung
28 der Hitlerjugend folgende Grundsatzvereinbarung
getroffen hatte: "Die Führung der Hitlerjugend
betrachtet es als selbstverständliche
Pflicht, die Jugend zur Tierliebe zu erziehen
und sie dahin zu bringen, dass sie sich überall
als erster Beschützer unserer Tierwelt
fühlt." Die Kleinen ließen sich
einfach vor den Propagandakarren spannen. Freilich
hielten sich Nazi-Größen wie Reichsfeldmarschall
Hermann Göring nicht an die guten Vorsätze,
die den Kindern und Jugendlichen nahe gebracht
werden sollten. Als oberster Jägermeister
des Deutschen Reichs veranstaltete er wahre
Abschussorgien an Wildtieren. Überhaupt
war das "edle Waidwerk" von den Nazis fast
kultisch emporgehoben worden.
"Tierfreund"-Berichte der Jahre 1941-1942
"Der Tierschutzverein Wien und Umgebung hat
auch in diesem Winter angesichts des überaus
reichlichen Schneefalles 4 Vorspanntraktoren
in den Dienst gestellt, die steckengebliebenen
Fuhrwerken und insbesondere bei ansteigenden
Straßen unentgeltlich Vorspann leisten",
stand im "Tierfreund" 1/1941 zu lesen. Doch
nicht allein der strenge Winter stand im Mittelpunkt
des Interesses. Natürlich wurden auch
wieder martialische Töne mit angeschlagen.
Prof. Dr. Bastian Schmid verfasste einen Text
mit dem Titel: "Zur Psychologie unseres Hundes
und seine Verwendung im Krieg". Eine reiche
Bebilderung der Schicksalsgemeinschaft Soldat
und Deutscher Schäferhund veranschaulichte
die Worte.
In der Jahreshauptversammlung am 27. März
1941 stellte Hermann Kerber, Präsident
des Tierschutzvereins Wien und Umgebung, fest,
dass die Vereinstätigkeit durch den II.
Weltkrieg zwar Einschränkungen erfahren,
die Tierschutztätigkeiten dadurch allerdings
nicht gelitten hätten. Vor allem die Erhebungen
der Tierschutzinspektoren hob Kerber lobend
hervor. Engpässe gab es bei der Futterbeschaffung
für die Tiere am Khleslplatz.
Auf der Titelseite der Mai/Juni-Nummer des "Tierfreund" vom
Jahr 1942 prangte ein Deutscher Boxer, dem
ein schlittenartiges Gestell umgegurtet worden
war. Es diente zur Beförderung der Essensrationen
für Luftwaffeneinheiten im Osten. Im Blatinneren
sinnierte DDr. Hugo Georg Schmitt über "Die
Kriegswichtigkeit des Tierschutzes". Den Vorderumschlag
der Juli/August-Ausgabe zierte ein Deutscher
Schäferhund mit Rotkreuz-Abzeichen. Im
Fang trug er ein so genanntes "Bringsel", durch
das er seinem Führer anzeigte, einen Verwundeten
gefunden zu haben.
Tränkbahnhöfe für Schlachttiere
In der November/Dezember-Ausgabe des "Tierfreund" (1942)
hieß es: "Die Eisenbahnverkehrsordnung
bestimmt, daß alle Tiere, deren Beförderung
24 Stunden oder länger in Anspruch nimmt,
vor der Verladung vom Absender ausreichend
gefüttert und getränkt werden müssen.
Unbegleitete Tiere sind, sofern ihre Beförderung
länger als 36 Stunden dauert, spätestens
nach 36 Stunden zu füttern und zu tränken.
Dafür sind besondere Bahnhöfe mit
entsprechenden Einrichtungen ausgerüstet."
Kriegsbericht über die "Sowjetische
Hundemine"
"Da besinnt sich der Sowjetrusse auf den uralten
Gebrauch von Kampfhunden im Kriege. Ein Hund
kann rascher laufen als der schnellste Mensch.
Er bietet ohnehin ein kleineres und beim Lauf
noch viel ungünstigeres Ziel, seelische
Einflüsse beirren ihn nicht. So richtet
der Bolschewik den Hund ab, sein Futter stets
unter dem Panzer, vielleicht sogar unter dem
fahrenden Panzer, zu suchen und gibt dem Hund
eine Sprengladung von 6-12 kg, an einem Bauchgurt
befestigt, mit. Kriecht der Hund unter den
Panzer, so wird ein schräg aufwärts
stehender Hebel auf seinem Rücken heruntergedrückt,
ein Stift wird nach oben gezogen, ein Schlagbolzen
wird frei, und die gespannte Schlagbolzenfeder
schleudert diesen gegen das Zündhütchen,
eine Art Knallzündschnur überträgt
die Detonation zur Sprenladung an beiden Seiten
des Hundes. Der Hundeführer braucht also
nur in Deckung auf die Panzer zu warten, bis
sie in Hundesicht sind, einen einfachen Sicherungsstift
herausziehen und den Hund frei zu geben, der
die Befriedigung seines Hundegefühls unter
dem feindlichen Panzer suchen soll."
Das Ende des III. Reiches naht
Mit Heft 2/1943 erschien die letzte Ausgabe
des "Tierfreund" während der Nazi-Ära.
Denn aus "kriegswirtschaftlichen Gründen" wurden
alle Blätter des so genannten "deutschen
Tierschutzes" mit 1. April vereinigt. Die neue,
einheitliche Zeitung trug dann auch selbigen
Namen: "Der Deutsche Tierschutz". Ihr Erscheinungsintervall
wurde mit zweimal jährlich festgelegt.
In einer Rubrik stand: "Damit müssen wir
zu unserem Bedauern auch die besondere Beilage
des Tierschutzvereins Wien und Umgebung vorläufig
einstellen. Wir hoffen, daß die Tierfreunde
in den Donaugauen Verständnis für
die notwendig gewordene Entwicklung haben (.)" 1944
war der II. Weltkrieg für das Deutsche
Reich längst verloren, die Lage spitzte
sich immer mehr zu. Am 10. September d.J. erfolgten
erste schwere Luftangriffe der Alliierten auf
Wien. Bis zum März 1945 sollten weitere
51 Bomberattacken folgen. Vom 5. bis 13. April
1945 tobte schließlich auch die Bodenschlacht
um Wien. Dem Tierschutzhaus gingen zwei Rettungswagen
und ein Traktor durch Luftangriffe verloren.
Das Futter für die Vierbeiner wurde immer
knapper, aufgrund vieler toter Tiere bestand
zudem Seuchengefahr.
Neubeginn für den WIENER TIERSCHUTZVEREIN
Als die Sowjettruppen nach Kriegsende mit
einer Hundestaffel am Khleslplatz Quartier
bezogen, stellte dies eine Erleichterung dar.
Die Russen ließen die Tiere des Tierschutzhauses
an den Futtervorräten teilhaben. Dr. Viktor
Matejka, später Amtsführender Wiener
Stadtrat für Kultur und Volksbildung,
betraute Wilhelm Harant mit der kommissarischen
Leitung des WTV, Otto Wufka wurde provisorischer
Verwalter des Tierschutzhauses. Die Reorganisation
konnte beginnen.
Am 27. April 1945 war im Parlament die "Proklamation über
die Selbständigkeit Österreichs" verkündet
worden; die demokratische Republik war wiederhergestellt
(wenngleich durch die Besatzungsmächte
eingeschränkt). Und am 31. Juli 1945 trat
das Vereins-Reorganisationsgesetz in Kraft.
Damit wurde aus dem Nazi-Konstrukt "Tierschutzverein
Wien und Umgebung" wieder der WIENER TIERSCHUTZVEREIN.
Am 25. August 1946 begeht die provisorische
Vereinsführung mit einer Kranzniederlegung
am Grab von Gründungsvater Castelli das
hundertjährige Jubiläum des WTV.
Und am 2. September ging es gleich ans Werk,
um den Tierschutzgedanken auch in der II. Republik
unters Volk zu bringen. In den Ausstellungsräumen
des "Hauses der Wiener" auf der Mariahilfer
Straße öffnete eine große
Tierschutz-Ausstellung ihre Pforten. Die dritten
fünfzig Jahre der Vereinsgeschichte hatten
begonnen.
Fortsetzung folgt