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Wiener Tierschutzverein

Triesterstraße 8 (368)
2331 Vösendorf (Stadtgrenze Wien)

Telefon: 01 / 699 24 50 - 0
Fax: 01 / 699 24 50 - 98
Tierrettung: 01 / 699 24 80

Email: office@wr-tierschutzverein.org

Teil 6: Letzte Tierschutzerfolge vor der dunklen Nazi-Zeit

Der WTV verliert seine Selbständigkeit



Fusion mit dem "Allgemeinen Tierschutzverband Österreich"

Noch ehe der WIENER TIERSCHUTZVEREIN sein neues Quartier am Khleslplatz, Wien-Altmannsdorf, bezog, kam es zur Fusion mit dem "Allgemeinen Tierschutzverband Österreich".

Zur Vorgeschichte: Im Jahre 1926 war ein Konflikt zwischen der sozialdemokratisch verwalteten Gemeinde Wien und dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN entstanden. Auslöser: die Mitnahme von Hunden in der Straßenbahn. Schließlich kam ein Kompromiss zustande: die Direktion der Straßenbahnen schwenkte hinsichtlich der Hundemitführung auf einen gemäßigten Kurs um, gleichzeitig wurden prominente sozialdemokratische Politiker in den Vorstand des WIENER TIERSCHUTZVEREINS kooptiert. 1927 entflammte wegen verschiedener tierschutzrelevanter Vorfälle im städtischen Schlachthof St. Marx ein neuer Streit. Die Gemeinde Wien stellte dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN daraufhin ein Ultimatum: alle Angriffe gegen städtische Unternehmungen sollten eingestellt und die Hälfte der Vorstandsmitglieder des WIENER TIERSCHUTZVEREINS durch Delegierte der Gemeinde gestellt werden. Das war natürlich ein offener Versuch politischer Einflussnahme, welcher der jahrzehntelangen unpolitischen Tradition des WTV klar zuwiderlief. Der Vorstoß der sozialdemokratischen Politiker scheiterte, was im Februar 1927 zum Ausscheiden der SP-Mitglieder aus dem Vorstand des WIENER TIERSCHUTZVEREINS führte. Sie gründeten ihrerseits den besagten "Allgemeinen Tierschutzverband Österreich" mit Sitz am Margaretengürtel Nummer 88. Am 15. März 1934 löste die österreichische Bundesregierung den sozialdemokratischen Tierschutzverein auf. Der WTV wurde mit der Liquidierung betraut.

Bezug des Tierdomizils am Khlesplatz

Am 22. Juni 1935 fand die feierliche Eröffnung des Wiener Tierschutzhauses am Khleslplatz 6 in einer wahren Volksfeststimmung statt. Das neue - historisch betrachtet vierte - Tierdomizil bot weit mehr Unterbringungsmöglichkeit als jenes in Ottakring, vor allem für Vögel und Großtiere. Für die damalige Zeit war es eines der modernsten und universellsten Tierschutzhäuser in ganz Europa. Bis zum Jahr 1998 sollte der Khlesplatz zum Synonym für angewandten Tierschutz in Wien bleiben. Dann verlegte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN seinen Sitz an die Stadtperipherie, nach Vösendorf.

90-Jahr-Feier mit Bundespräsident Miklas

Der 10. März 1936 hieß für den WIENER TIERSCHUTZVEREIN neunzigjähriges Bestehen. Im Sitzungssaal des Niederösterreichischen Landhauses kam es zur Festversammlung. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Rede von Bundespräsident Wilhelm Miklas, dem Ehrenprotektor des WTV:

"Fragen wir uns nach den tiefer liegenden Gründen und Impulsen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS und der ganzen Tierschutzbewegung, so müssen wir die tragenden Motive würdigen, die uns veranlassen, die Tiere vor sinnloser Quälerei und blindwütiger Vernichtung in Schutz zu nehmen.

Diese Motive sind die Güte, das Mitleid, das Erbarmen und die Hilfsbereitschaft. All diese sind wunderbare menschliche Eigenschaften, die schon wegen ihrer Allgemeingeltung und wegen ihrer Auswirkung auf die Menschheit selbst geschätzt werden sollten.

Vergessen wir nicht: auch die Tiere sind Geschöpfe Gottes, auch sie sind hervorgegangen gleich uns aus Gottes Schöpferhand und müssen als Gottes Geschöpfe auch geachtet werden. So hängt ihre Tierschutzbewegung mit den edelsten Regungen der Menschenseele, mit Gottes- und Menschendienst zusammen. Wird dieser Zusammenhang richtig erfasst, dann wird man auch die richtige Methode in Liebe, Güte und Freundschaft finden.

Wenn wir also die Tiere im Allgemeinen und unsere Haustiere im Besonderen schützen und entsprechend pflegen, dann quillt daraus auch reicher Nutzen und Segen für die Menschen selbst, ganz nach dem Wahrwort Castellis, Ihres Gründers: Tiere schützen heißt Menschen nützen.

So soll es auch in Zukunft bleiben, in diesem Sinn begrüße ich und beglückwünsche ich den WIENER TIERSCHUTZVEREIN zu seinem 90-jährigen Bestandsjubiläum und wünsche ihm, dass er noch viele Jubiläen feiern möge! Meiner Anteilnahme und Förderung kann er gewiss sein."

Die "Blaustern-Tierschutzjugend"

In der Mai-Ausgabe des "Tierfreund" von 1936 wurden die Mitglieder des WIENER TIERSCHUTZVEREINS gebeten, ihre Kinder - Buben und Mädchen von 6 bis 16 Jahren - zur "Blaustern-Tierschutzjugend" anzumelden. Der Blaue Stern war ja beim "XVIII. Internationalen Tierschutzkongreß" in Brüssel (1935) als Symbol des Ländergrenzen überschreitenden Tierschutzes erkoren worden. Die jungen, teiluniformierten TierfreundInnen trugen einheitliche Kappen, Krawatten bzw. Blusen. Sie verpflichteten sich, für andere Jugendliche ein gutes Beispiel abzugeben und Tierquälereien mit Mut und Tapferkeit entgegen zu treten. Fortan war die "Blaustern-Tierschutzjugend" für diverse Veranstaltungen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS herangezogen worden und gehörte zu den sympathieträchtigsten Werbeträgern der Organisation.

Vogelschutzreservat im Wienerwald

Im Sommer 1936 übernahm der WIENER TIERSCHUTZVEREIN die Versorgung eines 800.000 Quadratmeter großen, dem Stift St. Peter in Salzburg gehörenden Vogelschutzreservates in Neuwaldegg; entsprechend der Devise des WTV, dass Tierschutz nicht nur Hilfe für das einzelne Individuum in Menschenhand bedeute, sondern auch Erhaltung des Lebensraumes von wildlebenden Tieren. Es ging um die Artenvielfalt im Wienerwald. Das Vogelschutzreservat ist bis heute in der Hand des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.

Anno 1936: Pelz macht kalt!

In der Vorweihnachtszeit des Jahres 1936 richtete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN über den "Tierfreund" in Sachen Pelzbekleidung einen dringenden Appell an seine Mitglieder: "Ein Großteil der von Damen getragenen Pelze wird noch immer auf die alte grausame Weise mittels Fallen gewonnen. Die Pelztiere fangen sich in diesen Fallen und werden - besonders in Alaska und Sibirien - oft erst nach Tagen aus ihrer qualvollen Lage befreit. Viele sind unter den fürchterlichsten Qualen verendet. Aber Pelze tragen sich ja so schön und sind so warm! Die Textilindustrie bringt aber heute Pelzersatzstoffe hervor, die denselben Dienst leisten. Das sollten alle sonst so warmherzigen Frauen bedenken. Das beste wäre allerdings ein internationales Verbot des Fanges von Pelztieren mittels Fallen!" In Österreich gibt es mittlerweile keine einzige Pelztierfarm mehr. Und unter Paragraph 25 (5) des Bundestierschutzgesetzes steht: "Die Haltung von Pelztieren zur Pelzgewinnung ist verboten". In anderen europäischen Ländern - vor allem in Dänemark oder Finnland - floriert die tierquälerische Pelztierzucht leider immer noch! China hält in der "Pelzgewinnung" nicht mal Tierschutz-Mindeststandards ein. In Kanada, den USA oder Russland verenden Jahr für Jahr Abertausende Tiere in Fangeisen oder Metallschleifen - auf brutalste Art und Weise. In Bezug auf den traurigen Status quo mag die Anti-Pelz-Haltung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS im Jahr 1936 fast schon als revolutionär bezeichnet werden.

Nazi-Oberherrschaft im Tierschutz

1938 lag die I. Republik politisch und wirtschaftlich in Trümmern. Am 13. März wurde der Albtraum zur Realität. Österreich hörte zu existieren auf. Als Ostmark wurde unser Land Teil des Deutschen Reiches. Damit erhielten für vormals "österreichische" Tierschutzorganisationen folgende grundlegenden rechtlichen Änderungen Wirksamkeit:

1. Sämtliche in Österreich bestehenden Verbände und Vereine wurden den Verfügungen des "Stillhaltekommissars für Vereine, Organisationen und Verbände", Reichsamtsleiter Hoffmann, unterstellt.

2. Demzufolge wurde durch den Stillhaltekommissar der "Verband österreichischer Tierschutzvereine" mit dem Sitz in Wien I, Schottenring 31, wegen des Verlustes seines Wirkungsbereiches aufgelöst.

3. Ebenso wurde die "Vereinigung der Vivisektionsgegner" mit dem Sitz in Wien I, Strauchgasse 1, aufgelöst und deren Agenden dem "Tierschutzverein für Wien und Umgebung" - dem Nachfolgeverein des WIENER TIERSCHUTZVEREINS - übertragen.

4. Entsprechend der Umbenennung Österreichs in "Ostmark" und der Umbenennung von Niederösterreich in "Niederdonau" bzw. der Aufteilung der Ostmark in sieben Gaue (Wien, Niederdonau, Oberdonau, Salzburg, Steiermark, Tirol-Vorarlberg und Kärnten) wurden die ehemaligen österreichischen Tierschutzvereine allesamt umbenannt und dem "Reichstierschutzbund" in Frankfurt am Main (Leiter: Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs) unterstellt.

5. Für die Gaue Wien und Niederdonau wurden im Juli 1938 die beiden bestehenden Tierschutzvereine - der WIENER TIERSCHUTZVEREIN und der Österreichische Tierschutzverein (mit Sitz in Wien IX, Sensengasse 5) unter dem neuen Vereinsnamen "Tierschutzverein für Wien und Umgebung" (Sitz: Wien I, Schulhof 6) vereinigt.

6. Im Zuge der Neuordnung wurden die bisherigen Ortsgruppen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS in "Zwerggruppen" umgewandelt und direkt dem Hauptverein in Wien unterstellt. Insgesamt gab es 34 dieser Zwerggruppen.

7. Sämtliche dem Reichstierschutzbund zugehörigen Tierschutzvereine hatten Einheitsstatuten. Die Satzung des Tierschutzvereins für Wien und Umgebung enthielt u. a. folgende Bestimmungen:

§ 1/3: Der Verein hat seinen Sitz in Wien, sein Tätigkeitsbereich erstreckt sich auf Wien und Niederdonau

§ 1/5: Der Verein hat den Anordnungen des Leiters des Reichstierschutzbundes und seines Vertreters Folge zu leisten

§ 6/3: Die Wahl des Vereinsleiters durch die Mitgliederversammlung bedarf der Bestätigung durch den Leiter des Reichstierschutzbundes, der seine Zustimmung im Einvernehmen mit dem für den Verein zuständigen Hoheitsträger der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei erteilt.

§ 11/9: Beschlüsse und Mitgliederversammlungen, die den Zielen und Zwecken des Vereins oder den Anordnungen des Leiters des Reichstierschutzbundes entgegenstehen, kann dieser aufheben.

De facto bedeuteten diese Maßnahmen das Ende der Selbständigkeit des österreichischen Tierschutzes.

24. November: "Reichstierschutztag"

Im Januar 1939 erschien der "Tierfreund" als "Ostmärkische Ausgabe des Reichstierschutzblattes". Und der Welttierschutztag vom 4. Oktober musste dem "Reichstierschutztag" am 24. November weichen. Begründung: der 4. Oktober zu Ehren des Hl. Franziskus ist ein "willkürlich gewählter Namenstag mit gedankenlosen Kultdiensten", während am 24. November 1933 das Reichstierschutzgesetz in Kraft getreten war (in der Ostmark ab 1. 10. 1939 in Anwendung).

Nach Ausbruch des II. Weltkrieges änderte sich auch das Vereinsleben. Reichstierschutzbund-Leiter Dr. Krebs erließ ein Verbot öffentlicher Feierlichkeiten anlässlich des Reichstierschutztages. Anstatt dessen sollte der Gedanken des Tierschutzes unermüdlich in immer weitere Kreise der Behörden und "Volksgenossen" getragen werden. Auch Gefängnisstrafen wurden erlassen. So erhielt der Kutscher Franz K., der sein Vorspannpferd "in roher Weise" geschlagen hatte, vierzehn Tage Gefängnis. Karl H. fasste wegen Überladung bzw. Misshandlung seines Pferdes vier Wochen aus.

Trotz des Krieges musste die Betreuung der Tiere am Khleslplatz weitergehen. Im Jahr 1940 wurden nach offizieller Angabe 12.843 Tiere versorgt, fast 1.800 mehr als 1939.

"Fronthunde kehren heim"

Natürlich stellten die Nazis den "Tierfreund" auch in den Dienst der Kriegspropaganda gestellt. Wurde von Tierquälereien berichtet, fanden diese immer abseits der Front, in der Heimat, im Raum Wien und Umgebung statt. Redaktionelle Abhandlungen vom Schlachtgeschehen hoben hingegen die gute Betreuung von Pferden und Hunden durch das Militär hervor.

Im "Ostmärkischen Tierschutzkalender" wird ein rührender Bericht über Leid und Wiedersehensfreude eines "Fronthundes", der sein Herrchen trifft, abgedruckt: "In letzter Zeit kann man auf den Bahnhöfen immer wieder heimkehrende Fronthunde beobachten. Der Jubel dieser Tiere über die sicher von beiden Seiten sehnsüchtig erwartete Wiedervereinigung geht nicht nur dem geliebten Herrl, sondern auch den umstehenden Tierfreunden ins Herz.

Überglücklich gerät der brave ,Frontkämpfer' von der Schnauze bis zur Schwanzspitze in einen wahren Freudentaumel. Seine Stimme überschlägt sich; er verwandelt sich in einen rasenden Kreisel um sein wieder gefundenes Herrl.

Keiner der Umstehenden kann sich den Eindruck dieses Schauspiels entziehen, und mehr als einer macht sich so seine Gedanken über die Gemütsstufe dieses Wesens, das sich vor Liebe nicht zu fassen weiß und doch ,nur ein Hund' ist."

Fortsetzung folgt

Einführungsseminar Betreuungspaten
12. September 2008, 18:30 Uhr
Terminvormerkung Hundewandertag
13. September 2008