Teil 6: Letzte
Tierschutzerfolge vor der dunklen Nazi-Zeit
Der
WTV verliert seine Selbständigkeit
Fusion mit dem "Allgemeinen Tierschutzverband Österreich"
Noch ehe der WIENER TIERSCHUTZVEREIN sein
neues Quartier am Khleslplatz, Wien-Altmannsdorf,
bezog, kam es zur Fusion mit dem "Allgemeinen
Tierschutzverband Österreich".
Zur Vorgeschichte: Im Jahre 1926 war ein Konflikt
zwischen der sozialdemokratisch verwalteten
Gemeinde Wien und dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
entstanden. Auslöser: die Mitnahme von
Hunden in der Straßenbahn. Schließlich
kam ein Kompromiss zustande: die Direktion
der Straßenbahnen schwenkte hinsichtlich
der Hundemitführung auf einen gemäßigten
Kurs um, gleichzeitig wurden prominente sozialdemokratische
Politiker in den Vorstand des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
kooptiert. 1927 entflammte wegen verschiedener
tierschutzrelevanter Vorfälle im städtischen
Schlachthof St. Marx ein neuer Streit. Die
Gemeinde Wien stellte dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
daraufhin ein Ultimatum: alle Angriffe gegen
städtische Unternehmungen sollten eingestellt
und die Hälfte der Vorstandsmitglieder
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS durch Delegierte
der Gemeinde gestellt werden. Das war natürlich
ein offener Versuch politischer Einflussnahme,
welcher der jahrzehntelangen unpolitischen
Tradition des WTV klar zuwiderlief. Der Vorstoß der
sozialdemokratischen Politiker scheiterte,
was im Februar 1927 zum Ausscheiden der SP-Mitglieder
aus dem Vorstand des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
führte. Sie gründeten ihrerseits
den besagten "Allgemeinen Tierschutzverband Österreich" mit
Sitz am Margaretengürtel Nummer 88. Am
15. März 1934 löste die österreichische
Bundesregierung den sozialdemokratischen Tierschutzverein
auf. Der WTV wurde mit der Liquidierung betraut.
Bezug des Tierdomizils am Khlesplatz
Am 22. Juni 1935 fand die feierliche Eröffnung
des Wiener Tierschutzhauses am Khleslplatz
6 in einer wahren Volksfeststimmung statt.
Das neue - historisch betrachtet vierte - Tierdomizil
bot weit mehr Unterbringungsmöglichkeit
als jenes in Ottakring, vor allem für
Vögel und Großtiere. Für die
damalige Zeit war es eines der modernsten und
universellsten Tierschutzhäuser in ganz
Europa. Bis zum Jahr 1998 sollte der Khlesplatz
zum Synonym für angewandten Tierschutz
in Wien bleiben. Dann verlegte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
seinen Sitz an die Stadtperipherie, nach Vösendorf.
90-Jahr-Feier mit Bundespräsident
Miklas
Der 10. März 1936 hieß für
den WIENER TIERSCHUTZVEREIN neunzigjähriges
Bestehen. Im Sitzungssaal des Niederösterreichischen
Landhauses kam es zur Festversammlung. Den
Höhepunkt der Veranstaltung bildete die
Rede von Bundespräsident Wilhelm Miklas,
dem Ehrenprotektor des WTV:
"Fragen wir uns nach den tiefer liegenden
Gründen und Impulsen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
und der ganzen Tierschutzbewegung, so müssen
wir die tragenden Motive würdigen, die
uns veranlassen, die Tiere vor sinnloser Quälerei
und blindwütiger Vernichtung in Schutz
zu nehmen.
Diese Motive sind die Güte, das Mitleid,
das Erbarmen und die Hilfsbereitschaft. All
diese sind wunderbare menschliche Eigenschaften,
die schon wegen ihrer Allgemeingeltung und
wegen ihrer Auswirkung auf die Menschheit selbst
geschätzt werden sollten.
Vergessen wir nicht: auch die Tiere sind Geschöpfe
Gottes, auch sie sind hervorgegangen gleich
uns aus Gottes Schöpferhand und müssen
als Gottes Geschöpfe auch geachtet werden.
So hängt ihre Tierschutzbewegung mit den
edelsten Regungen der Menschenseele, mit Gottes-
und Menschendienst zusammen. Wird dieser Zusammenhang
richtig erfasst, dann wird man auch die richtige
Methode in Liebe, Güte und Freundschaft
finden.
Wenn wir also die Tiere im Allgemeinen und
unsere Haustiere im Besonderen schützen
und entsprechend pflegen, dann quillt daraus
auch reicher Nutzen und Segen für die
Menschen selbst, ganz nach dem Wahrwort Castellis,
Ihres Gründers: Tiere schützen heißt
Menschen nützen.
So soll es auch in Zukunft bleiben, in diesem
Sinn begrüße ich und beglückwünsche
ich den WIENER TIERSCHUTZVEREIN zu seinem 90-jährigen
Bestandsjubiläum und wünsche ihm,
dass er noch viele Jubiläen feiern möge!
Meiner Anteilnahme und Förderung kann
er gewiss sein."
Die "Blaustern-Tierschutzjugend"
In der Mai-Ausgabe des "Tierfreund" von 1936
wurden die Mitglieder des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
gebeten, ihre Kinder - Buben und Mädchen
von 6 bis 16 Jahren - zur "Blaustern-Tierschutzjugend" anzumelden.
Der Blaue Stern war ja beim "XVIII. Internationalen
Tierschutzkongreß" in Brüssel (1935)
als Symbol des Ländergrenzen überschreitenden
Tierschutzes erkoren worden. Die jungen, teiluniformierten
TierfreundInnen trugen einheitliche Kappen,
Krawatten bzw. Blusen. Sie verpflichteten sich,
für andere Jugendliche ein gutes Beispiel
abzugeben und Tierquälereien mit Mut und
Tapferkeit entgegen zu treten. Fortan war die "Blaustern-Tierschutzjugend" für
diverse Veranstaltungen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
herangezogen worden und gehörte zu den
sympathieträchtigsten Werbeträgern
der Organisation.
Vogelschutzreservat im Wienerwald
Im Sommer 1936 übernahm der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
die Versorgung eines 800.000 Quadratmeter großen,
dem Stift St. Peter in Salzburg gehörenden
Vogelschutzreservates in Neuwaldegg; entsprechend
der Devise des WTV, dass Tierschutz nicht nur
Hilfe für das einzelne Individuum in Menschenhand
bedeute, sondern auch Erhaltung des Lebensraumes
von wildlebenden Tieren. Es ging um die Artenvielfalt
im Wienerwald. Das Vogelschutzreservat ist
bis heute in der Hand des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.
Anno 1936: Pelz macht kalt!
In der Vorweihnachtszeit des Jahres 1936 richtete
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN über den "Tierfreund" in
Sachen Pelzbekleidung einen dringenden Appell
an seine Mitglieder: "Ein Großteil der
von Damen getragenen Pelze wird noch immer
auf die alte grausame Weise mittels Fallen
gewonnen. Die Pelztiere fangen sich in diesen
Fallen und werden - besonders in Alaska und
Sibirien - oft erst nach Tagen aus ihrer qualvollen
Lage befreit. Viele sind unter den fürchterlichsten
Qualen verendet. Aber Pelze tragen sich ja
so schön und sind so warm! Die Textilindustrie
bringt aber heute Pelzersatzstoffe hervor,
die denselben Dienst leisten. Das sollten alle
sonst so warmherzigen Frauen bedenken. Das
beste wäre allerdings ein internationales
Verbot des Fanges von Pelztieren mittels Fallen!" In Österreich
gibt es mittlerweile keine einzige Pelztierfarm
mehr. Und unter Paragraph 25 (5) des Bundestierschutzgesetzes
steht: "Die Haltung von Pelztieren zur Pelzgewinnung
ist verboten". In anderen europäischen
Ländern - vor allem in Dänemark oder
Finnland - floriert die tierquälerische
Pelztierzucht leider immer noch! China hält
in der "Pelzgewinnung" nicht mal Tierschutz-Mindeststandards
ein. In Kanada, den USA oder Russland verenden
Jahr für Jahr Abertausende Tiere in Fangeisen
oder Metallschleifen - auf brutalste Art und
Weise. In Bezug auf den traurigen Status quo
mag die Anti-Pelz-Haltung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
im Jahr 1936 fast schon als revolutionär
bezeichnet werden.
Nazi-Oberherrschaft im Tierschutz
1938 lag die I. Republik politisch und wirtschaftlich
in Trümmern. Am 13. März wurde der
Albtraum zur Realität. Österreich
hörte zu existieren auf. Als Ostmark wurde
unser Land Teil des Deutschen Reiches. Damit
erhielten für vormals "österreichische" Tierschutzorganisationen
folgende grundlegenden rechtlichen Änderungen
Wirksamkeit:
1. Sämtliche in Österreich bestehenden
Verbände und Vereine wurden den Verfügungen
des "Stillhaltekommissars für Vereine,
Organisationen und Verbände", Reichsamtsleiter
Hoffmann, unterstellt.
2. Demzufolge wurde durch den Stillhaltekommissar
der "Verband österreichischer Tierschutzvereine" mit
dem Sitz in Wien I, Schottenring 31, wegen
des Verlustes seines Wirkungsbereiches aufgelöst.
3. Ebenso wurde die "Vereinigung der Vivisektionsgegner" mit
dem Sitz in Wien I, Strauchgasse 1, aufgelöst
und deren Agenden dem "Tierschutzverein für
Wien und Umgebung" - dem Nachfolgeverein des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS - übertragen.
4. Entsprechend der Umbenennung Österreichs
in "Ostmark" und der Umbenennung von Niederösterreich
in "Niederdonau" bzw. der Aufteilung der Ostmark
in sieben Gaue (Wien, Niederdonau, Oberdonau,
Salzburg, Steiermark, Tirol-Vorarlberg und
Kärnten) wurden die ehemaligen österreichischen
Tierschutzvereine allesamt umbenannt und dem "Reichstierschutzbund" in
Frankfurt am Main (Leiter: Oberbürgermeister
Staatsrat Dr. Krebs) unterstellt.
5. Für die Gaue Wien und Niederdonau
wurden im Juli 1938 die beiden bestehenden
Tierschutzvereine - der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
und der Österreichische Tierschutzverein
(mit Sitz in Wien IX, Sensengasse 5) unter
dem neuen Vereinsnamen "Tierschutzverein für
Wien und Umgebung" (Sitz: Wien I, Schulhof
6) vereinigt.
6. Im Zuge der Neuordnung wurden die bisherigen
Ortsgruppen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS in "Zwerggruppen" umgewandelt
und direkt dem Hauptverein in Wien unterstellt.
Insgesamt gab es 34 dieser Zwerggruppen.
7. Sämtliche dem Reichstierschutzbund
zugehörigen Tierschutzvereine hatten Einheitsstatuten.
Die Satzung des Tierschutzvereins für
Wien und Umgebung enthielt u. a. folgende Bestimmungen:
§ 1/3: Der Verein hat seinen Sitz in
Wien, sein Tätigkeitsbereich erstreckt
sich auf Wien und Niederdonau
§ 1/5: Der Verein hat den Anordnungen
des Leiters des Reichstierschutzbundes und
seines Vertreters Folge zu leisten
§ 6/3: Die Wahl des Vereinsleiters durch
die Mitgliederversammlung bedarf der Bestätigung
durch den Leiter des Reichstierschutzbundes,
der seine Zustimmung im Einvernehmen mit dem
für den Verein zuständigen Hoheitsträger
der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei
erteilt.
§ 11/9: Beschlüsse und Mitgliederversammlungen,
die den Zielen und Zwecken des Vereins oder
den Anordnungen des Leiters des Reichstierschutzbundes
entgegenstehen, kann dieser aufheben.
De facto bedeuteten diese Maßnahmen
das Ende der Selbständigkeit des österreichischen
Tierschutzes.
24. November: "Reichstierschutztag"
Im Januar 1939 erschien der "Tierfreund" als "Ostmärkische
Ausgabe des Reichstierschutzblattes". Und der
Welttierschutztag vom 4. Oktober musste dem "Reichstierschutztag" am
24. November weichen. Begründung: der
4. Oktober zu Ehren des Hl. Franziskus ist
ein "willkürlich gewählter Namenstag
mit gedankenlosen Kultdiensten", während
am 24. November 1933 das Reichstierschutzgesetz
in Kraft getreten war (in der Ostmark ab 1.
10. 1939 in Anwendung).
Nach Ausbruch des II. Weltkrieges änderte
sich auch das Vereinsleben. Reichstierschutzbund-Leiter
Dr. Krebs erließ ein Verbot öffentlicher
Feierlichkeiten anlässlich des Reichstierschutztages.
Anstatt dessen sollte der Gedanken des Tierschutzes
unermüdlich in immer weitere Kreise der
Behörden und "Volksgenossen" getragen
werden. Auch Gefängnisstrafen wurden erlassen.
So erhielt der Kutscher Franz K., der sein
Vorspannpferd "in roher Weise" geschlagen hatte,
vierzehn Tage Gefängnis. Karl H. fasste
wegen Überladung bzw. Misshandlung seines
Pferdes vier Wochen aus.
Trotz des Krieges musste die Betreuung der
Tiere am Khleslplatz weitergehen. Im Jahr 1940
wurden nach offizieller Angabe 12.843 Tiere
versorgt, fast 1.800 mehr als 1939.
"Fronthunde kehren heim"
Natürlich stellten die Nazis den "Tierfreund" auch
in den Dienst der Kriegspropaganda gestellt.
Wurde von Tierquälereien berichtet, fanden
diese immer abseits der Front, in der Heimat,
im Raum Wien und Umgebung statt. Redaktionelle
Abhandlungen vom Schlachtgeschehen hoben hingegen
die gute Betreuung von Pferden und Hunden durch
das Militär hervor.
Im "Ostmärkischen Tierschutzkalender" wird
ein rührender Bericht über Leid und
Wiedersehensfreude eines "Fronthundes", der
sein Herrchen trifft, abgedruckt: "In letzter
Zeit kann man auf den Bahnhöfen immer
wieder heimkehrende Fronthunde beobachten.
Der Jubel dieser Tiere über die sicher
von beiden Seiten sehnsüchtig erwartete
Wiedervereinigung geht nicht nur dem geliebten
Herrl, sondern auch den umstehenden Tierfreunden
ins Herz.
Überglücklich gerät der brave ,Frontkämpfer'
von der Schnauze bis zur Schwanzspitze in einen
wahren Freudentaumel. Seine Stimme überschlägt
sich; er verwandelt sich in einen rasenden
Kreisel um sein wieder gefundenes Herrl.
Keiner der Umstehenden kann sich den Eindruck
dieses Schauspiels entziehen, und mehr als
einer macht sich so seine Gedanken über
die Gemütsstufe dieses Wesens, das sich
vor Liebe nicht zu fassen weiß und doch ,nur
ein Hund' ist."
Fortsetzung folgt