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Wiener Tierschutzverein

Triesterstraße 8 (368)
2331 Vösendorf (Stadtgrenze Wien)

Telefon: 01 / 699 24 50 - 0
Fax: 01 / 699 24 50 - 98
Tierrettung: 01 / 699 24 80

Email: office@wr-tierschutzverein.org

Teil 5: Technische Kreativität und Ehrung tierischer Helden

Der WTV in den schwierigen 1930er-Jahren

Wie der WTV Schwalben nach Venedig flog...

Ende September, Anfang Oktober des Jahres 1931 waren die Tage kalt und regnerisch, fast schon winterlich. Zu Zehntausenden gingen Schwalben durchnässt und erschöpft über Wien und Umgebung nieder. Viele der Vögel waren zu schwach für den Abflug in wärmere südliche Gefilde. Über Presse und Rundfunk organisierte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN (WTV) sofort eine Hilfsaktion. Der Aufruf blieb nicht ungehört: Jung und Alt, Arm und Reich - der Großteil der Wiener Bevölkerung machte mit beim Einsammeln der Schwalben.

Im Tierschutzhaus in der Friedrich-Kaiser-Gasse wurden die Vögel untergebracht. Ein leerstehender großer Raum war mit Drähten bespannt, die den Schwalben Sitzmöglichkeiten boten. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang die Fütterung recht gut. Auf einem Tisch in der Zimmermitte wurden Mehlwürmer gestreut, die hurtig in den hungrigen Kehlen der Schwalben verschwanden. Natürlich konnte die Versorgung der Schwalben im Wiener Tierschutzhaus nur von provisorischer Natur sein. Es wurde emsig an einem Plan gearbeitet, um die Singvögel südlich der Alpen zu bringen. Die Bemühungen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS waren von Erfolg gekennzeichnet. Aufgrund der Mithilfe der Österreichischen wie auch der Italienischen Flugverkehrs AG startete fast täglich ein Flugzeug mit Schwalben an Bord in Richtung Venedig. In der Lagunenstadt wurden die Tiere sofort abgefertigt und am Lido in die Freiheit entlassen. Insgesamt 49.000 Schwalben konnten so nach Italien geflogen werden. Die Österreichischen Bundesbahnen stellten zudem einen D-Zug mit geheiztem Waggon zur Verfügung, der weitere 50.000 Schwalben über die verschneiten Berge nach Venedig verfrachtete. Vom 24. September bis zum 5. Oktober 1931 brachte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN somit fast hunderttausend Schwalben in den rettenden Süden. Diese Hilfsaktion war zum damaligen Zeitpunkt einmalig und erregte großes internationales Aufsehen. Für den WIENER TIERSCHUTZVEREIN ist die Schwalbenhilfe von 1931 bis heute eine der schönsten tierschützerischen Erinnerungen geblieben.

Vorspanntraktoren und stoßsichere Tierrettungsautos

1879 hatte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN am unteren Getreidemarkt zur Hilfe für Pferdefuhrwerke ein Vorspannpferd aus Fleisch und Blut zur Verfügung gestellt. Ab November 1931 stand ein Metallross - sprich Traktor - zur Verfügung, um Pferden auf Schnee oder Glatteis das Ziehen schwerer Lasten zu erleichtern.

Am 3. Juli 1933 wartete der WTV in der Öffentlichkeit mit einer besonderen technischen Feinheit auf: der vereinseigene Tierrettungswagen war mit einem stoßsicheren Tragbett ausgestattet worden. Mit dieser extra in Auftrag gegebenen Konstruktion sollte der Transport verletzter oder kranker Tiere auf schonendste Weise vor sich gehen. Das Tragbett bestand aus Metallröhren mit zusammenschiebbaren Handgriffen sowie einem beweglichen Seitenteil, um das Gestell an die Größe des Hundes anzupassen. Um das Herausspringen furchtsamer Hunde zu verhindern, stand ein stabiles Spagatnetz bereit, das - ähnlich der Vorrichtungen bei Gitterbetten - über die Bahre gezogen werden konnte. Das Tragbett ruhte auf vier Stahlfedern und verfügte über vier Gummiräder, die das Hineinrollen auf Schienen in das Rettungsauto möglich machten. Es war dies die einzige derartige Konstruktion in ganz Österreich - erneut eine Pionierleistung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS!

Vorsprache beim Völkerbund in Genf

Der Völkerbund - mit Sitz in Genf, in der neutralen Schweiz - war die Vorläuferorganisation der heutigen UNO. Am 21. April 1932 schloss sich der WIENER TIERSCHUTZVEREIN einer europäischen Tierschutzdelegation unter der Leitung von Lady Hamilton (wir berichteten über diese Dame in der vorigen Ausgabe des "Tierfreund") an, die vom Präsidenten der Abrüstungskommission, Mr Henderson, empfangen wurde. Die Delegierten brachten den Wunsch vor, der Völkerbund möge eine internationale Tierschutzregelung beschließen. Mister Henderson sagte zu, einen ausführlichen Bericht über dieses Anliegen beim Generalsekretär des Völkerbunds, Sir Eric Drummond, abzugeben bzw. seinen persönlichen Einfluss geltend zu machen, damit der Völkerbund sich der Tierschutzmaterie auch tatsächlich annehme.

Stellungnahme zur "Notverordnung gegen Tierquälerei"

Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN bewegte sich aber nicht nur auf dem großen internationalen Parkett, sondern war vor allem tatkräftig beim Angehen heimischer Tierschutzprobleme beteiligt. Am 2. September hatte das Bundeskanzleramt (Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit) dem WTV den Entwurf zu einer Verordnung der Bundesregierung gegen Tierquälerei (Zahl 204.170 GD 2) zur Begutachtung zugeschickt. Unter Federführung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS kam es daraufhin am 16. November 1933 seitens des Verbands österreichischer Tierschutzvereine und der Gesellschaft vivisektionsgegnerischer Ärzte zu einer gemeinsamen Stellungnahme. Folgende Ergänzungs- bzw. Abänderungsanträge wurden formuliert:

a) nicht nur die absichtliche, sondern auch die fahrlässige Quälerei oder Vernachlässigung eines Tieres muss strafbar erklärt werden

b) Tatbestände wie mutwillige Tötung, Gefangennahme eines freilebenden Tieres sowie naturwidrige Verwendung von Tieren in Zirkussen und dgl. müssen in die Notverordnung aufgenommen werden (Dazu eine Anmerkung: Das Wildtierverbot in Zirkussen konnte in Österreich erst mit dem Bundestierschutzgesetz vom 1.1.2005, § 27.1, durchgesetzt werden und ist innerhalb der EU ein Streitthema)

c) die Strafobergrenze von 500 Schilling bzw. einem Monat Arrest soll auf 2.000 Schilling bzw. sechs Monate Arrest erhöht werden, damit das Delikt der Tierquälerei in den Augen der Bevölkerung nicht länger als Bagatelle gilt

d) Bestimmungen über Möglichkeiten, ein gefährdetes Tier weiteren Angriffen zu entziehen (Abnahme und Unterbringung auf geeigneten Plätzen) müssen aufgenommen werden

e) Tierschutzorgane zu ernennen, die zum direkten Einschreiten bei wahrgenommenen Tierquälereien ermächtigt sind (Ein vergleichbares Instrumentarium wurde ebenfalls erst ab dem 1.1.2005 mit den Einsetzungen der so genannten Tierschutzombudsstellen geschaffen. Neun Tierschutzombudspersonen gibt es in Österreich, pro Bundesland eine. Für Wien siehe: www.tieranwalt.at )

Die Stellungnahme schloss mit dem Ersuchen an die Bundesregierung, die vorgebrachten Ergänzungsvorschläge nicht nur vom Standpunkt des Tierschutzes zu sehen, sondern im Interesse des ganzen Staates.

Kammersänger Leo Slezak wirbt für den WTV

Mitte der 1930er-Jahre herrschten in Wien politische Hochspannung und wirtschaftliche Krise. Um in diesem schwierigem Umfeld die Tierschutzidee nicht untergehen zu lassen, errichtete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN im Zentrum von Wien, in der Bognergasse 2, eine eigene Propagandazentrale, heute würde man wohl Werbe- und Informationsbüro dazu sagen. Im Juni 1934 fanden sich dort zwei berühmte und gleichsam beliebte KünstlerInnen ein, um durch Autogrammstunden die Arbeit des WTV zu unterstützen. Es waren dies die Soubrette Lizzy Holzschuh sowie der Kammersänger Leo Slezak.

Am 18. April 1934 hatte im Mitteltrakt der Neuen Hofburg bereits eine Ausstellung mit 54 Zeichnungen des bekannten Tiermalers Alfred Hawel begonnen. "Tiere werben für sich" lautete der Titel dieser Exposition, zu deren Eröffnung u.a. auch Vizekanzler Emil Fey gekommen war. Feys einleitende Worte: "Jeder wirklich gute Mensch muss auch Liebe und ein Herz für Tiere haben, (...), und muss sie verteidigen, da sie sich nicht selbst verteidigen können."

"Welttierschutztag" im Radio und an Schulen

Am 4. Oktober 1933 war es dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN mit einem einzigen Schachzug gelungen, die Zuhörerschaft bei der Feier des Welttierschutztages von 200 auf Hunderttausende Personen im In- und Ausland zu erhöhen. Wie? Sehr einfach: Man nützte das Sendestudio von Radio Wien. Ein Jahr später erließ das Bundesministerium für Unterricht - auf Ansuchen des WTV - ein Rundschreiben an alle Landesschulräte, den Wiener Bürgermeister sowie die Burgenländische Landeshauptmannschaft, in dem ersucht wird, auf den Welttierschutztag aufmerksam zu machen.

Gummihufbeschläge und Hundefahrkarten

Im Beisein von Vertretern der Ministerien und der Stadtverwaltung ließ der WIENER TIERSCHUTZVEREIN am 3. Juli 1934 erneut mit Kreativität aufwarten. Im Türkenschanzpark bzw. auf der Hasenauerstraße wurden ein von ihm in Auftrag gegebener Pferdewagen mit Luftreifen sowie Hufeisen aus Gummi präsentiert. Die Gummibehufung und die luftbereiften Räder stellten nach einhelliger Meinung der anwesenden Experten eine gewaltige Erleichterung für die Pferde dar. Die Fuhrwerke konnten nahezu geräuschlos fahren und auf Steilstrecken auf die Sekunde genau zum Stehen gebracht werden.

Im Januar 1935 teilte die Direktion der Wiener Städtischen Straßenbahnen im Einvernehmen mit der Direktion der Österreichischen Bundesbahnen mit, dass dem Wunsch des WIENER TIERSCHUTZVEREINS nach Einführung kombinierter Fahrscheine für Mensch und Hund vollinhaltlich Rechnung getragen worden war. Damit wurde den WienerInnen die Mitnahme ihrer vierbeinigen Lieblinge in die Ausflugsgebiete rund um die Stadt sehr erleichtert.

Ehrung für tierische Helden

Im Zuge der 83. Vereinsgeneralversammlung verlieh WTV-Präsident Dr. Josef Kupka am 21. Januar 1935 dem Mischlingshund "Schnauzi" die Rettungsmedaille am Ehrenhalsband. Der kleine Rüde hatte durch sein Bellen in Kritzendorf fünf Personen vor dem Gastod bewahrt. Am 10. März 1936 gelangte der Polizeihund "Dangus" aufgrund seiner zahlreichen mutigen Einsätze ebenfalls zu einer Auszeichnung.

Am 5. Oktober 1935 wurde im Park des Khleslplatzes in Wien XII ein "Denkmal für die Opfer des Weltkrieges aus dem Tierreich" feierlich enthüllt. Staatssekretär General Wilhelm Zehner würdigte all jene tierischen Geschöpfe, die im I. Weltkrieg ihr Leben für den Menschen eingesetzt oder geopfert hatten: "Das treue Pferd, das den Soldaten in den Kampf trug, ihm trotz der Schrecknisse des feindlichen Feuers, trotz Ungunst der Witterung, trotz ungenügender Wartung und Pflege, Waffen, Verpflegung und Munition zuführte (...) ...und wenn der Kämpfer nicht mehr weiter konnte, weil ihn der Gegner mit einem Feuerwall umringte, da lief der Meldehund mit dem Tod um die Wette und überbrachte die Nachricht, an der oft Hunderte von Menschenleben hingen. Wie viele Menschen, die einsam und verlassen mit schweren Wunden auf dem Schlachtfeld lagen, haben es dem Sanitätshund zu danken, dass sie aufgefunden und gerettet werden konnten?

Und wenn alle technischen Verbindungsmittel zerstört waren und die Weiterleitung wichtiger Meldungen schier unmöglich schien: Die Brieftaube brachte es zuwege, die unbeirrt dem Ort zuflog, wo das Einlangen der Meldung erwartet wurde.So treu, wie die Helfer aus dem tierreich zum Menschen in friedlichen Zeiten stehen, so treu bewährten sie sich auch in der schweren Zeit des Krieges im Felde."

Im Zeichen des "Blauen Sterns"

Beim "XVIII Internationalen Tierschutzkongreß" in Brüssel (7.-11. August 1935) wurde auf Antrag von Hofrat Dr. Melkus, der den WIENER TIERSCHUTZVEREIN seit 1924 auf allen wichtigen Kongressen vertreten hatte, der "fünfzackige blaue Stern" zum internationalen Abzeichen der Tierschutzbewegung erklärt. Im Oktober desselben Jahres kam es nach Initiative des WTV zur Gründung der "Gesellschaft vom Blauen Stern", die eine versicherungstechnische Sterbevorsorge für TierfreundInnen anbot. Sitz der Gesellschaft war das Büro des WIENER TIERSCHUTZVEREINS in der Bellariastraße 6 im 1. Bezirk.

1935 hatte der WIENER TIERSCHUTVEREIN erneut ein neues Tierschutzhaus bezogen: und zwar beim bereits oben erwähnten Khleslplatz. Mehr darüber in der Juni-Ausgabe des "Tierfreund".

Fortsetzung folgt

Einführungsseminar Betreuungspaten
12. September 2008, 18:30 Uhr
Terminvormerkung Hundewandertag
13. September 2008