Teil 3: Im Zeichen
des Hundes
Im Zeichen des Hundes
Nach chinesischem Kalender steht 2006 im Zeichen
des Hundes - und auch der dritte Teil unserer
Jubiläumsseiten über die 160-jährige
Geschichte des WIENER TIERSCHUTZVEREINS ist
schwerpunktmäßig unseren bellenden
besten Freunden und Freundinnen gewidmet. Zumal
1898 ebenfalls ein Jahr des Hundes war. Kurz
davor, am 15. Oktober 1897, eröffnete
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN (WTV) in Wien-Erdberg
sein "2. Wiener Hunde-Asyl". Ein gutes Omen.
Zur Erinnerung: das erste Hunde-Asyl öffnete
seine Pforten bereits am 18. Juli 1876 (wie
wir in der vergangenen Ausgabe des "Tierfreund" berichteten).
Doch der Bau in der Magdalenenstraße
in Mariahilf erwies sich schon bald als zu
klein. Wegen Platzmangel mussten zwei Drittel
(!) der aufgenommenen Hunde eingeschläfert
(nach damaligem Sprachgebrauch "vertilgt")
werden. Aus heutiger Sicht ein unhaltbarer
Zustand! Und auch die Verantwortlichen des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS anno dazumal sahen
dies ganz ähnlich. Platzmangel darf einfach
kein Grund sein, Leben auszulöschen, unsere Maxime
gestern, heute, morgen!!! Eine größere
Lokalität musste her, eben jene in der
Erdberger Straße 93. Doch diese zweite
Tierunterkunft des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
war nur als vorübergehend, als Provisorium
gedacht, denn groß war auch sie nicht.
Hunde sind keine Zugtiere!
Am 20. Januar 1900 - also knapp nach der Jahrhundertwende - kam
es auch zu einem Wechsel an der Spitze des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS. Präsident von
Tunkler trat zurück, nur fünf Tage
später wählte der Vereinsausschuss
den k. u. k. Landesgerichtsrat Dr. Arthur Holland
von Grunddenfels zum neuen Präsidenten.
Eines der Hauptanliegen des Neugewählten:
Hunde sollen nicht als Zugtiere eingesetzt
werden.
Daher erschien im Februar 1901 im "Thierfreund" folgende
Annonce: " Achtung! Für Hunde-Fuhrwerksbesitzer!
Zug-Esel an Stelle von Zughunden! Der Wiener
Thierschutz-Verein (.) vermittelt den Verkauf
von gut eingeführten Zugeseln zu den günstigsten
Bedingungen; Zugesel werden auch leihweise
abgegeben ." Dieses Angebot wurde von
den Fuhrwerksleute gerne angenommen. Zwischen
zwanzig und dreißig "Leihesel" waren
im Außeneinsatz. Aber auch vereinsintern
kamen Esel zum Einsatz, etwa als Zugtiere für
Kleintiertransporte.
Verband österreichischer Tierschutzvereine
gegründet
Bereits am 9. August 1886 - im Rahmen der
40-Jahr-Jubiläumsfeier des WIENER TIERSCHUTZVEREINS - gründeten
die anwesenden Tierschutzvereine aus Wien,
Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Lemberg,
Leitmeritz, Mährisch-Ostrau, Prag, Przemysl
bzw. Triest Filialvereine des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
und vertrauten ihm die vereinsübergreifende
Präsidentschaft an. Benannt wurde diese
Dachorganisation "Verband österreichischer
Tierschutzvereine". Späterhin hieß sie "Zentralverband
der Tierschutzvereine Österreichs", heute
kennt man sie (diesmal mit einem großen "Ö")
als Verband Österreichischer Tierschutzvereine,
kurz VÖT.
Am 22. September 1901 hatte sich der damalige
Verband österreichischer Tierschutzvereine
versammelt, um den Behörden erneut einen
Gesetzesentwurf zur Schaffung eines allgemeinen
Tierschutzgesetzes vorzulegen. Erst Anfang
2005 konnte dieser Tierschutztraum mit dem österreichischen
Bundestierschutzgesetz zu weiten Teilen verwirklicht
werden, wenngleich wichtige Bereiche wie z.B.
Jagd/Fischerei, Tierversuche oder Tiertransporte
leider immer noch extra geregelt sind.
Neues Tierschutzhaus in Wien-Ottakring
Aus Platzgründen übersiedelte der
WIENER TIERSCHUTZVEREIN am 20. Oktober 1902
aus dem III. Wiener Gemeindebezirk in den XVI.,
genauer in die Friedrich-Kaiser-Gasse 70. In
diesem neuen Objekt bestand erstmals die Möglichkeit,
außer Hunden auch größere
Tiere unterzubringen. Im selben Jahr installierte
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN in allen öffentlichen
Gärten und Friedhöfen in Wien und
Umgebung vereinseigene Vogelfutterstellen.
Im "Thierfreund" wurden die Mitglieder zu Spenden
für den Ankauf von Vogelfutter ersucht.
Ab Januar 1904 erschien das Magazin mit neuem
Briefkopf als "Tierfreund". Übrigens:
33 Jahre lang blieb der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
in seinem Ottakringer Tierdomizil. Mehrere
Adaptierungen sowie der Zukauf eines zweiten
Hauses hatten die von der Aufnahmekapazität
her möglich gemacht. 1910, acht Jahre
nach Inbetriebnahme, herrschte in der Friedrich-Kaiser-Gasse
70 Hochbetrieb: die Jahresfrequenz betrug 7.554
Hunde und 4.550 Katzen.
Ob Kutscher oder Kinder . der WTV
half
Auf besondere Einladung nahm Vereinspräsident
von Holland am 7. Januar 1906 an einer Versammlung
von Schwerfuhrwerkskutschern teil und sprach
sich vom tierschützerischen wie auch humanitären
Standpunkt für die Errichtung von Kutscherfahrschulen
aus, wie solche bereits im Ausland bestanden.
Am 8. März 1907 eröffnete die Genossenschaft
der Fiaker, Einspänner und Lohnfuhrwerker
eine solche Fach- und Fahrschule. Mit großer
Genugtuung stellte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
fest, dass seinen Intentionen bei der Erstellung
der Lehrpläne in größtmöglicher
Weise Rechnung getragen wurde. Auf die Gegenwart
bezogen heißt das: der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
ist seiner Linie treu geblieben. Heutzutage
geht es immer noch um Erleichterungen für
die Wiener Fiakerpferde oder aber um eine bessere
Ausbildung von Tiertransportfahrern.
In Kooperation mit dem "Lehrer-Verein für
Tier- und Pflanzenschutz" gelang es dem WIENER
TIERSCHUTZVEREIN, die Schulbehörden dahingehend
zu motivieren, einer tierfreundlicheren Erziehung
der Jugend mehr Augenmerk zu schenken. Ein
erster Erfolg dieser Bemühungen war, dass
der niederösterreichische Landesschulrat
anordnete, dass an allen Volks- und Bürgerschulen
des Landes alljährlich im Mai oder Juni
ein Unterrichtstag ausschließlich dazu
dienen sollte, die Kinder "in der Schonung
nützlicher Tiere und Pflanzen" anzuleiten.
Dass Tiere ganz aus sich heraus einen Eigenwert
haben, ohne einem vom Menschen willkürlich
festgelegten Nützlichkeitskriterium entsprechen
zu müssen, war für die damalige Zeit
freilich ein zu abstrakter Gedankengang.
Am 2. Mai des Jahres 1911 legte auch der Wiener
Bezirksschulrat einen so genannten "Tierschutztag" fest. Über
diese Direktive hoch erfreut, stellte der WTV
neben Schriften, Plakaten und Flugblättern
alljährlich 100 Sparkassenbücher
mit je einer Einlage von 10 Kronen bereit.
EmpfängerInnen waren Kinder, die sich
erwiesenermaßen besonders tierfreundlich
verhalten hatten. Am 6. Juni erklärte
das Unterrichtsministerium mit dem Erlass Zl.
2294 Wandtafeln des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
geeignet zum Unterrichtsgebrauch.
Anno 2006 hat der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
im "Tierfreund" eine ständige Kinder-
und Jugendseite bzw. unterhält einen fix
angestellten Tierschutzlehrer. Tradition verpflichtet!
Hunde in der Straßenbahn? Ja,
bitte. Mehr Steuer? Nein, danke.
Lange Zeit hatte die Vereinsleitung des WIENER
TIERSCHUTZVEREINS ihr Büro in der Weihburggasse
10, danach übersiedelte sie an den Wildbretmarkt,
ehe am 10. Mai 1911 Quartier am Schulhof 6
bezogen wurde (alle Lokalitäten lagen
im I. Bezirk). Vereinszentralen und Tierschutzhäuser änderten
sich, der Schwerpunkt "Hund" blieb. So machte
der WTV im August 1911 einen neuerlichen Vorstoß,
damit HundehalterInnnen ihre Vierbeiner in
den elektrischen Straßenbahnen mitnehmen
dürfen.
Am 15. Februar 1912 erhob der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
gegen die beabsichtigte Erhöhung der Hundesteuer
von acht auf zwanzig Kronen Einspruch bei der
Gemeindevertretung der Reichshaupt- und Residenzstadt
Wien. Der WTV wies darauf hin, dass die Mehrzahl
der HundehalterInnen arme Leute seien. Eine
Steuererhöhung würde unweigerlich
mit sich führen, dass die Tiere vermehrt
im Tierschutzhaus abgegeben oder aber freigesetzt
würden. Diese herrenlosen Hunde würden
dann tagelang hungernd und frierend herumstreunen
und durch Krankheit die Ausbreitung von Seuchen
begünstigen.
I. Weltkrieg - Auch Hunde und Pferde an "Kriegs-
oder Heimatfront"
Zwei Tage nach Weihnachten, am 26.Dezember
1911, starb WTV-Präsident Dr. Arthur Holland
von Grunddenfels. Am 5.Februar.1912 folgt ihm
der Kaiserliche Rat Max Puchta im Amt nach.
Es war eine Zeit des Übergangs für
den WIENER TIERSCHUTZVEREIN wie auch eine Zeit
des nahenden Untergangs der Donaumonarchie.
Der Erste Weltkrieg warf seinen Schatten voraus.
Am 3. Juli 1914 gab es in Österreich-Ungarn
Generalmobilmachung. Kampf und Tod standen
bevor - und auch Tiere mussten ins Schlachtfeld.
Als ihre Besitzer zu den Waffen gerufen wurden,
hieß dies für viele Hunde Herrenlosigkeit;
sie kamen ins Wiener Tierschutzhaus. Diverse
Militärkommandanten übernahmen die "besten
Freunde des Menschen" von dort, um sie zu Melde-
oder Sanitätszwecken auszubilden.
Pferde, die anderen großen nicht-menschlichen
Leidtragenden des Krieges, wurden zu so genannten
Assentierungsplätzen (Sammel- und Musterungsstellen)
verfrachtet. Dort kümmerte sich der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN um Fütterung und Tränkung;
er stellt auch Tränktröge auf. Da
die Militärbehörden bei der Assertierung
der Pferde nur die gesündesten und strapazierungsfähigsten
auswählten, blieben viele schwache, kränkliche
oder alte Tiere zurück. Wegen des Krieges
wurde ihnen aber ihr Ruhestand und Gnadenbrot
verweigert, die Pferde dienten als Arbeitsstiere.
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN appellierte daraufhin
an die Fuhrwerksleute, in bezug auf diese ausgemusterten
Pferde Nachsicht und Rücksicht walten
zu lassen, z.B. dann, wenn alte oder übermüdete
Tiere plötzlich nicht mehr weiterwollten.
Für das k.u.k. Militärkommando Wien
führte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN mit
seinen drei Pferderettungswagen kostenlos Rettungsaktionen
für die auf den Sammel- oder Exerzierplätzen
verunglückten bzw. erkrankten Pferde durch.
Feldmarschall-Leutnant Raffay, der Militärkommandant
höchstpersönlich, bedankte sich in
einem Schreiben vom 18. September 1914 für
dieses "hochpatriotische Entgegenkommen des
Wiener Tierschutzvereins".
Im Februar 1915 spendete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
dem kaiserlich-königlichen Kriegsministerium
zur Schmerzlinderung der Kriegspferde den Betrag
von 5.000 Kronen. Damit sollte ermöglicht
werden, dass bei der Operation verwundeter
Pferde öfter Gebrauch von Narkotika gemacht
wird. Narkosemittel galten nämlich als
kostspielige Mangelware.
Am 9. Januar 1916 beantragte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
beim k.u.k. Kriegsministerium, die im Feld
stehenden Tierärzte zwecks rascherer Hilfeleistung
für erkrankte oder verwundete Pferde mit
einer weißen Armbinde mit rotem Stern
auszustatten. Dieser "Rote Stern" war das Symbol
des 1915 in der neutralen Schweiz, in Genf,
gegründeten "Internationalen Bundes zum
Schutze aller im Krieg verwundeten Tiere".
Kaiserliche Verordnung: "Tiere sind keine
Sachen"
Zwei Monate danach, am 10. März, verzichtete
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN aufgrund der ungeheuren
Opfer des I. Weltkriegs auf eine feierliche
Begehung des 70-jährigen Vereinsjubiläums.
Stattdessen kam es in der ordentlichen Generalversammlung
(7.Juni 1916) zu einer schlichten Würdigung
der Verdienste des Vereinsgründers und
Humanisten Ignaz Franz Castelli. In derselben
Generalversammlung wurde auch berichtet, dass
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN eine kaiserliche
Verordnung bewirkt hatte, wonach das Tier fortan
nicht mehr als "Sache" galt, sondern als Individuum
unter strafrechtlichen Schutz gestellt worden
war. Gemessen am "Zeitgeist" des Jahres 1916
eine unglaubliche Leistung!
Rückholaktion für Kriegspferde
Am 11. Februar 1918 (genau neun Monate vor
dem offiziellen Kriegsende) beschloss der Vorstand
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS auf Antrag des
Vizepräsidenten, Oberfinanzrat Dr. Eduard
Melkus, Verhandlungen mit den Veranstaltern
des kommenden Weltfriedenskongresses aufzunehmen,
um eine internationale Regelung für Tierschutzfragen
zu erreichen.
Am 20. März 1919 startete der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN eine Rückholaktion für
Kriegspferde. Für die auf den Bahnhöfen
Wiens eintreffenden Pferde wurden Futter- und
Tränkstationen errichtet. Am Stephansplatz
und beim Schottentor errichtete man so genannte "Pferde-Heberahmen".
Exkurs nach London : War Memorial
Tiere waren nicht nur im I. Weltkrieg Opfer
wider Willen, sondern auch in unzähligen "menschlichen" Auseinandersetzungen
danach und davor. Diesem traurigen Faktum trug
man in London Rechnung. Der Tierrechtsverein
CANIS berichtet dazu: Im November 2004 wurde
beim Brook Gate, an der Peripherie des berühmten
Hyde Parks, ein monumentales Denkmal für
all jene Tiere errichtet, die im britischen
Commonwealth ihr Leben im Krieg lassen mussten.
An einer Steinwand sind Reliefs von Elefanten,
Kamelen, Tauben und anderen Tieren zu sehen.
Eine Gravur besagt: " They had no choice ", " Sie
hatten keine Wahl ". Die Steinwand hat
in der Mitte einen Durchgang. Auf der Vorderseite
sind ein Pferd (acht Millionen Pferde kamen
allein im I. Weltkrieg ums Leben) und ein Hund
aus Bronzeguss zu sehen, an der Hinterseite
zwei mit Kriegszeug beladene Maultiere. Sogar
der Glühwürmchen, die in den Schützengräben
als "Beleuchtung" gehalten worden waren, wird
gedacht.
Das Denkmal hat 1,5 Mio. Pfund gekostet, wobei
ein Drittel der Kosten noch nicht bezahlt ist.
Privatleute wie Vereine und Firmen trugen die
Errichtung durch Spenden. Als Künstler
zeichnet David Backhouse verantwortlich, einer
der renommiertesten Bildhauer Großbritanniens.
Der Eröffnungszeremonie wohnte ein ganz
besonderer "Veteran" bei: "Buster", 7-jähriger
Springerspaniel, der im Irak als Waffenspürhund
eingesetzt worden war und die Dickin Medal,
eine Art Ehrenabzeichen für Tiere, erhalten
hatte.
In der April-Ausgabe des "Tierfreund" berichten
wir über das Wirken des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
während der 1. Republik.
Fortsetzung folgt