Teil 2: Castellis
Tod - Ende einer Ära
" In Wahrheit heißt den
Menschen nützen auch das gequälte
Tier schützen. Zur Tat ward dieses
Dichterwort, drum wirkt es auch unsterblich
fort. "
Castellis Tod - Ende einer Ära
5. Februar 1862, 11.45 Uhr: Ignaz Franz Castelli,
der Gründer des Wiener Tierschutzvereins,
stirbt im "Heiligenkreuzerhof", seinem Altersdomizil.
Zwei Tage später wird er unter großer
Anteilnahme der Bevölkerung in Hütteldorf
bestattet. Am 23. Juni 1895 erhalten Castellis
sterbliche Überreste ein Ehrengrab der
Gemeinde Wien auf dem Zentralfriedhof. Mit
des Dichters Tod ging für den WIENER TIERSCHUTZVEREIN
eine Ära zu Ende. Doch sein persönliches
Motto: "Tiere schützen heißt Menschen
nützen" schallt als Auftrag über
Zeit und Raum, der all seinen NachfolgerInnen
erhalten geblieben ist.
Ignaz Castelli hatte dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
aber auch eine materielle Hinterlassenschaft
in Form von National-Anleihen im Wert von 1.000
Gulden vermacht. Umrechnungskalkulationen des
Statistischen Zentralamts folgend wären
dies in der heutigen Zeit etwa 9.500 Euro.
Zieht man in Betracht, dass die gesamten Vereinsausgaben
des Jahres 1862 sich auf 1.359 Gulden beliefen,
deckte Castellis Legat ungefähr Dreiviertel
der finanziellen Aufwendungen ab. Weitere 150
Gulden überwies der Gemeinderat der Stadt
Wien dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN als Unterstützungsbeitrag
für 1862 - eine großzügige
Geste.
"Jugendtierschutz" schon 1864 ein
Thema
Am 16. März 1862 wird k. u. k. Oberfinanzrat
Dr. Franz Ritter von Heintl zum Präsidenten
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS gewählt.
Vom 23. bis 25. Mai des Jahres 1864 ist Wien
unter seiner Ägide Gastgeberin des "III.
Internationalen Tierschutzkongresses" VertreterInnen
aus 14 Städten (Berlin, Breslau, Dresden,
Graz, Hamburg, Hannover, Odessa, Prag, Schwerin,
Stettin, Teplitz, Triest sowie aus der Schweiz)
diskutieren über Beschränkung der
Vivisektion, Tiertransporte, Rettung von Tieren
aus Feuersbrünsten, Hunde als Zugtiere, öffentliche
Tierkämpfe oder aber über Jugendtierschutz.
In der Kongress-Resolution heißt es: " Der
Kongress erkennt es als eine Hauptaufgabe
der Tierschutzvereine an, bei der Jugend
eine humane Behandlung der Tiere zu erzielen;
er spricht seine Befriedigung au s über
die Tätigkeit der zu diesem Zweck in Österreich
gegründeten Kindervereine." Bei diesen "Kindervereinen" handelte
es sich um Gründungen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS:
33 an der Zahl gab es in ganz Österreich.
Auch in der Gegenwart ist die Jugendarbeit
ein Kernanliegen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.
Im Rahmen des Projektes "Tierschutz im Unterricht" bietet
unser Tierschutzlehrer Vorträge und
Diskussionen an Schulen an. Schließlich
ist das Trachten nach ständiger Verbesserung
der Tierschutzstandards eine Frage von Generationen.
Internationale Kongresstätigkeit
In den folgenden Jahren nimmt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
an weiteren internationalen Kongressen teil.
In Zürich (1869) wird grenzüberschreitend
anerkannt, dass der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
den gefassten Resolutionen "bereits vorausgeeilt" ist,
und zwar:
bei der tierärztlichen Überwachung
von Tiertransporten
durch das "Gesetz zum Schutze
nützlicher Vögel" vom 10.12.1868
durch die Gründung von "Jugend-Tierschutz-Gruppen"
durch das Ablehnen von Sonntagsjägern
und Parforce-Jagd
durch die Information über
die Schädlichkeit des Fleisches von gemarterten
Tieren
Es folgen Tagungen in London (1874), Paris
(1876) und Brüssel (1880). Hier treffen
sich erneut Vergangenheit und Gegenwart. Denn
beim Londoner Kongress wurde u.a. das 50-Jahr-Jubiläum
der RSPCA, der ältesten Tierschutzorganisation
der Welt, begangen. Mit der RSPCA arbeitet
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN auch heute noch
zusammen - und zwar über die Eurogroup
for animal welfare, die wiederum ihren Sitz
in Brüssel hat.
Klares Bekenntnis gegen Tierversuche
Pionierarbeit wurde auch im Kampf gegen Tierversuche
geleistet. Im Sitzungsprotokoll vom 22. März
1880 heißt es klar formuliert: " Der
Wiener Tierschutzverein spricht sich von seinem
Standpunkt überhaupt gegen alle qualvollen
Experimente an lebenden Tieren aus ." Dieser
Devise blieb er bis heute treu.
Am 15. Oktober 1880 richten sechs österreichische
Tierschutzvereine unter Federführung des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS eine Petition an das
Präsidium des kaiserlich-königlichen
Ministerrats, worin eine gesetzliche Regelung
der Vivisektion gefordert wird:
" Das hohe k. u. k. Ministerrats-Präsidium
geruhe die Einleitung zu treffen, dass aufgrund
einer noch vorher anzustellenden Enquete
ein Gesetz erlassen werde, wodurch die Anwendung
der Vivisektion auf die unabweisbar notwendigen
Grenzen eingeschränkt wird und Ausschreitungen
derselben mit strengen Strafen geahndet werden ."
Am "XI. Internationalen Tierschutzkongress" in
Bern (13.-15. August 1894) nehmen 200 Delegierte
aus aller Welt teil. Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
ist durch seinen Ehrenpräsidenten Prof.
Karl Landsteiner, den Propst von Nikolsburg,
vertreten. Landsteiner hält ein unmissverständliches
Plädoyer gegen Tierversuche - und zwar
ohne Ausnahme!:
" Der Ruf nach äußerster Beschränkung
der Vivisektion ist ein gut gemeinter, aber
meines Erachtens ein erfolgloser; es ist
eine Stimme in der Wüste. Logisch und
einzig richtig wäre unter den gegebenen
Verhältnissen nur das Begehren nach
einem gänzlichen Verbot der Vivisektion
(.) Von unserem Standpunkt als Tierschützer
aus müssen wir die Vivisektion als Tierquälerei
der ärgsten Art verwerfen, solange keine
ausreichenden und nicht bloß scheinbaren
Garantien gegeben sind, dass jede Tierquälerei
ausgeschlossen ist. "
Landsteiner weiter: "Ich bin kein
Gegner der Wissenschaft, aber ein Gegner
der Grausamkeit und der Tierquälerei,
wenn sie auch im Namen der Wissenschaft ausgeübt
wird."
Herz für Hunde im 1. Tierschutzhaus
Bereits am 18. Juli 1876 fusionierte der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN mit dem "1. Wiener Hunde-Asyl-Verein".
Ab nun galt der Schutz der wedelnden Vierbeiner
als Kernaufgabe. Nach Überwindung der
damals wie heute oft verwinkelten Behördenwege
wurde es dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN erlaubt,
in den Sommermonaten 50 Wasserschüsseln
vor Häusern aufzustellen: zur Erfischung
der Hunde Am 18. Jänner 1896 ging ein
lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Im
6. Bezirk, in der Magdalenenstraße 38-40,
eröffnete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
sein erstes Tierschutzhaus, wenngleich nur
provisorisch, da das Gebäude viel zu klein
für eine adäquate Tierbetreuung war.
Organisierte Tierrettung entsteht
Zum Abtransport verletzter oder verunglückter
Pferde, die durch die schlechten
Straßenverhältnisse der damaligen
Zeit leicht zu Sturz kamen, ließ der
WIENER TIERSCHUTZVEREIN im Jänner 1895
drei Pferde-Rettungswagen anfertigen und setzt
diese an Standorten im 2., 10. und 14. Bezirk
ein. Im Jahr 2005 feierte die mittlerweile
natürlich längst motorisierte und
PS-starke Tierrettung ihr 110-jähriges
Bestehen. Die Kleinbusse des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
sind rund um die Uhr einsatzbereit, wenn es
um die Rettung von Tierleben geht.
1896: Bürgermeister gratuliert
zum 50-er
Dem besonderen Anlass entsprechend wurde die
alljährliche Generalversammlung am 16.
Juli 1896 im festlich geschmückten Gemeinderats-Sitzungssaal
des Wiener Rathauses abgehalten. Unter all
den Glückwunschschreiben zum fünfzigjährigen
Bestehen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS befand
sich auch eines von Bürgermeister Josef
Strobach. Darin heißt es: " Der löbliche
Wiener Tierschutz-Verein begeht heute das Jubiläum
seines fünfzigjährigen Bestandes.
Edelgesinnte Männer haben diesen Verein
ins Leben gerufen und, unterstützt durch
die Mitwirkung aller Gebildeten, mit anerkennenswerter
Energie ihre löblichen Zwecke verfolgt,
hiezu wesentlich beigetragen zur Veredelung
der Sitten.
Ohne den Beschlüssen des Wiener Gemeinderates
vorgreifen zu wollen, halte ich es daher
für eine angenehme Pflicht, namens der
Reichshaupt- und Residenzstadt Wien den löblichen
Wiener Tierschutz-Verein zu seinem Ehrentag
zu begrüßen, demselben herzlichst
zu danken für sein allseits anerkanntes
Wirken in unserer Stadt und dem aufrichtigsten
Wunsche Ausdruck zu geben, daß es diesem
Vereine beschieden sein möge, auch in
Hinkunft in gleicherfolgreicher Weise tätig
zu sein im Interesse unserer Stadt und zur
Ehre seiner Mitglieder. "
"Vivisektion strafrechtlich verbieten"
Vom 18. bis zum 21. Juni des Jahres 1896 tagten
138 Delegierte aus 121 Vereinen in Budapest
beim "XII. Internationaler Tierschutzkongress".
Beherrschendes Thema war ein mal mehr die Vivisektion.
Aufbauend auf den Aussagen Landsteiners in
Bern 1894 bezog Prof. Dr. Förster aus
Berlin leidenschaftlich Position. Sein Antrag,
dass Tierversuche "strafrechtlich zu verbieten" seien,
wurde mit 177 zu 17 Stimmen angenommen.
Nicht nur der legistische Aspekt des Themas
Tierversuche wurde angegangen, auch der Frage
nach Alternativen zur Vivisektion wirft der
WIENER TIERSCHUTZVEREIN auf. Am 10. Oktober
1900 richtete Vereinspräsident Dr. von
Holland eine Anfrage an das Physiologische
Institut der Universität Wien, ob und
inwieweit der institutseigene "Cinematograph" in
Verwendung genommen wird, um die Reduktion
von Tierversuchen zu bewirken.
Weitere Grundsatzerklärungen in Paris
"XIII. Internationaler Tierschutzkongress" in
Paris: Wieder nahm Probst Landsteiner als Vertreter
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS teil, gleichzeitig
auch als Repräsentant der Tierschutzvereine
von Innsbruck, Linz, Klagenfurt und Prag.
Zum Kapitel "Beförderung der Tiere" beschloss
man, ein Preisausschreiben zu veranstalten,
gefragt ist die Konstruktion eines Eisenbahnwaggons,
der geeignet ist, Tiere zu tränken und
zu füttern sowie eine ausreichende Lüftung
zu ermöglichen.
Zum Thema "Vogelschutz" wurde der Beschluss
gefasst, alle Arten des Massenfangs zu untersagen
und durch Hecken, Nistplätze und andere
Mittel die Vermehrung insektenessender Vögel
zu begünstigen. Schon im Juni 1897 hatte
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN gegen den Vogelmord
in Italien protestiert. Eine Petition an Papst
Leo XIII. sowie an die Königin des Apenninenreichs
war ergangen.
Zum Thema "Grausamer Tiersport" gab der Pariser
Kongress die Empfehlung ab, Hahnen,- Hunde-
und Stierkämpfe sowie Taubenjagden, Parforcejagden,
den Gebrauch von Fallen und Schlingen sowie
das Schlachten von Tieren ohne vorherige Betäubung
gesetzlich zu verbieten.
Auf Betreiben des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
kam es auch auf dem Pariser Kongress zu einer
deutlichen Verurteilung von Tierversuchen.
"Der XII. Internationale Kongreß beschließt,
daß die Vivisektion ein Verbrechen ist,
welches in keinem Falle gestattet werden darf
in irgendeinem Lande, das auf Zivilisation
Anspruch erhebt."
Gegen Vogelmord: Glückwünsche aus
dem Vatikan
Nachdem der WIENER TIERSCHUTZVEREIN 1904 neuerlich
eine Petition an den Papst gerichtet hatte,
sich gegen den Singvogelmord in Italien einzusetzen,
erhält Präsident von Holland ein
freundliches Schreiben von Kardinalstaatssekretär
Merry del Vàl (Rom, 14. November 1905)
"Euer Hochwohlgeboren!
Es dem Heiligen Vater Ihr Schreiben, welches
im Namen aller österreichischen Tierschutz-Vereine
Seiner Heiligkeit das so lobenswerte Vorhaben
unterbreitet und die Unterstützung des
höchsten Priesters für eine so edle
Sache anruft, zugekommen.
Es wurde mir die Ehre zuteil, im Auftrag seiner
Heiligkeit den Dank für die dargebrachte
Huldigung auszudrücken. Freue mich ferner
hinzufügen zu können, daß der
Heilige Vater nicht ohne Sympathie eine solche
Gesellschaft ansieht, welche das erhabene Ziel,
die Existenz und Behandlung der Tiere, vor
sich hat und gleichzeitig barbarische und grausame
Tendenzen aus den menschlichen Gefühlen
zu verbannen trachtet.
Seine Heiligkeit beglückwünscht
Sie und alle diejenigen, die Sie dabei unterstützen,
und betet für glückliches Gelingen
Ihrer vereinbarten Anstrengungen"
Teil 3: Im
Zeichen des Hundes