Teil 11: Hin
zu Tiertransportgesetz und Freilandeiern
Die Ära Lucie Loubé beginnt
"Zum Wohle von Mensch, Tier, Umwelt und für
ein humanes Leben!"
Unter diesem Motto tritt Lucie Loubé am
6. April 1990 die Präsidentschaft des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS an. Erreichtes und
Altbewährtes sollte erhalten bleiben,
gleichzeitig Neues und Fortschrittliches im
Interesse der Tiere geschaffen werden. Bewusstseinsänderung
steht für die neue Präsidentin groß geschrieben,
nicht im Sinne von Belehrung oder Zwang, sondern
durch Überzeugungsarbeit. Am Überzeugendsten
ist es natürlich, das Gesagte selbst vorzuleben,
was Lucie Loubé tut. Sie verbannt aus
ethischen Gründen Pelzmäntel und
Krokotaschen aus ihrer Garderobe und wird zur
Vegetarierin.
Ganz oben auf ihrem Arbeitskatalog von 1990
stehen drei Ziele:
1) Durchsetzung eines bundeseinheitlichen
Tierschutzgesetzes für ganz Österreich
2) Schaffung eines Tiertransportgesetzes
3) Bau eines neuen, geräumigen und tiergerechteren
Tierschutzhauses anstelle des überbelegten
Khleslplatzes.
Alle drei Vorhaben sollten im Laufe der Jahre
von Erfolg gekrönt sein. Das Tiertransportgesetz
wird 1995 Realität, das neue Tierschutzhaus
in Vösendorf öffnet 1998 seine Pforten
und am 28. September 2004 wird ein Bundestierschutzgesetz
bekannt gemacht, das mit 1.1. 2005 in Kraft
tritt.
Tierrettung wieder rund um die Uhr im Einsatz
Als eine der ersten vereinsinternen Reformmaßnahmen
macht Präsidentin Loubé die aus
Kostengründen reduzierte Einsatzzeit des
Tierrettungsdienstes rückgängig,
so dass die Rettungswägen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
ab Mai 1990 wieder täglich von 0 bis 24
Uhr zur Verfügung stehen.
Tierpension Brunn/Gebirge eröffnet
Am 16. August 1990 geht ein lang gehegter
Wunsch vieler Mitglieder und Freunde des WIENER
TIERSCHUTZVEREINS in Erfüllung. Die Tierpension
in Brunn am Gebirge wird eröffnet. Damit
ist die Möglichkeit gegeben, Haustiere
während der Urlaubszeit tiergerecht unterzubringen.
"Mode ohne Tierqual"
Im Rahmen seines Kampfes gegen die Grausamkeiten
der Pelzindustrie startet der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
eine Werbekampagne für Webpelze. In Hübners
Kursalon im Wiener Stadtpark findet am 21.
September 1990 eine Webpelzgala unter dem Aufhänger "Mode
ohne Tierqual" statt, die von Prominenz und Öffentlichkeit
gut angenommen wird. Seit damals stellt die
Webpelzmodeschau einen herbstlichen Fixpunkt
des Wiener Veranstaltungskalenders dar.
Hilfsaktion für Nutrias
Zu viert in engen Käfigen, die bestenfalls
für zwei Tiere reichen, ohne Wasser und
Futter, kommen am 4. November 1990 auf dem
Flughafen Wien-Schwechat 200 Nutrias aus Polen
an. Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN erklärt
sich bereit, die "Sumpfbiber" fürs Erste
am Khleslplatz aufzunehmen. Genau nach einem
Monat, am 5. Dezember, übersiedeln die
200 Nutrias nach Maria Trost bei Graz. Dort
wurde 1989 eine tierquälerische Pelztierfarm
von Amts wegen geschlossen, und das Umweltministerium
hatte den WIENER TIERSCHUTZVEREIN ersucht,
die 1.200 daraus geborgenen Nutrias zu übernehmen.
Daraufhin hatte der WTV das Grundstück
gepachtet, die Sumpfbiber nach Geschlechtern
getrennt und geräumige Freilaufgehege
errichtet. Nachdem der langjährige Pachtvertrag
abgelaufen war, sind die letzten noch lebenden
Nutrias im September 2006 ins Tierschutzhaus
nach Vösendorf umgezogen.
Tiertragödie an der italienischen Grenze
Zeitungsmeldungen vom 29. März 1991 berichten,
dass am italienisch-jugoslawischen Grenzübergang
Fernetti/Prosecco viele LKW auf ihre Abfertigung
warten, darunter zahlreiche Tiertransporter
mit rund 11.000 Pferden, Kühen, Schweinen
oder Schafen an Bord. Über 600 Tiere - so
die Berichte - wären bereits verendet;
aus Durst, Hunger oder an Erschöpfung.
Noch in derselben Nacht fahren zwei Rettungswägen
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS mit Wasserkanistern
und Hunderten Kilo Tiernahrung gegen Süden
los. Nördlich von Triest angekommen, können
die Rettungsfahrer des WTV nichts von einem
Stau bemerken. Die Tiertransporter sind von
den italienischen Behörden von der Hauptstraße
auf Nebenstraßen umdirigiert worden,
offensichtlich um das wahre Ausmaß der
Tiertragödie zu vertuschen. Auf einem
versteckten Parkplatz, bezeichnenderweise in
unmittelbarer Nähe des Schlachthofs Opicina,
entdecken die WTV-Fahrer etwa einen aus Bulgarien
kommenden LKW, der auf zwei Etagen, in engen
Käfigen, 33 Pferde geladen hat. Sein Ziel:
das weit entfernte Bari, in Süditalien.
Weiterer Kommentar überflüssig...
Der Hilfseinsatz der Rettungsfahrer des WIENER
TIERSCHUTZVEREINS dauert noch Tage an.
Auf Einladung nimmt der Präsident des
Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel am
28. Mai 1991, an einer Vorstandssitzung des
WTV teil. Dabei wird das Thema Tiertransporte
als grenzübergreifendes Problem erkannt.
Von nun an beginnt eine enge Zusammenarbeit
zwischen Präsidentin Loubé und
Präsident Apel.
Tierschutz kennt keine Grenzen
In einer Blitzaktion schickt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
am 19. Juli 1991 einen Tierrettungswagen ins
tschechische Brünn, um 45 Hunde mit Futter
und Medikamenten zu versorgen.
Im Oktober richtet Dr. Drazan Susic von der
Zagreber Gesellschaft für Tierfreunde
beim 5. Österreichischen Tierschutzkongress
einen dramatischen Hilfsappell an den WTV.
Für die Tiere in Kroatien fehle es - bürgerkriegsbedingt - an
Allem: Medikamente, Sanitätsmaterial und
Futter. Mehr als 400 Hunde und 200 Katzen haben
die Zagreber Tierfreunde provisorisch bei privaten
TierfreundInnen untergebracht.
Wieder handelt Präsidentin Loubé schnell
und unbürokratisch. Ein Spendenaufruf
bringt 150.000 Schilling (mehr als 10.000 Euro).
Schon bald rollen die ersten Hilfslieferungen
Richtung Kroatien.
Auch mit Dr. Susic steht der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
immer noch in bestem Einvernehmen.
30.000 Unterschriften für Bundestierschutzgesetz
Die im Dezember 1990 vom WIENER TIERSCHUTZVEREIN
initiierte Unterschriftenaktion für ein
Bundestierschutzgesetz findet beim Zentralverband
der Österreichischen Tierschutzvereine
(ZTÖ) große Unterstützung.
Innerhalb weniger Monate sind 30.000 Unterschriften
gesammelt. Diese werden im März 1991 gemeinsam
von Präsidentin Loubé und ZTÖ-Präsident
Götz von Langheim dem Vorsitzenden der
Landeshauptleutekonferenz, Burgenlands LH Karl
Stix,(SPÖ) in Eisenstadt überreicht.
Auch der damalige 1, Nationalratspräsident - und
nunmehrige Bundespräsident - Dr. Heinz
Fischer (SPÖ) spricht sich für ein
Bundestierschutzgesetz aus: "Ich sehe nicht
ein, warum Tierschutz Ländersache bleiben
soll. (...) Selbst ein so föderalistisch
gesinnter Staat wie die Schweiz hat schon im
Jahr 1988 den Tierschutz zur Bundessache erklärt."
Projekt "Tierschutz im Unterricht" beginnt
Am 5. September 1991 startet der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
mit dem Projekt "Tierschutz im Unterricht",
um die Heranwachsenden für das Thema Tier
zu sensibilisieren. Die Projektlehrerinnen
besuchen nicht nur Schulen in Wien, Niederösterreich
und dem Burgenland, es gibt sogar Einladungen
aus Ungarn.
Neues Zuhause für Bärin "Judy"
Eine behördliche Verfügung schließt
im Herbst 1991 den Kinderzoo von Götzis,
Vorarlberg. Dadurch droht vielen obdachlos
gewordenen Zootieren die Euthanasie, unter
anderem der 24-jährigen sibirischen Bärin "Judy",
für die schon aufgrund ihres hohen Alters
schwer ein Platz zu finden ist. Nach einer
Vielzahl von Anfragen und Telefonaten gelingt
es Präsidentin Loubé, "Judy" im
Steppentierpark Pamhagen (Burgenland) einzuquartieren.
Allerdings muss der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
garantieren, selbst für die Errichtung
eines geeigneten Bärengeheges zu sorgen.
Am 12. März 1992 darf "Judy" nach zwanzigjähriger
Gefangenschaft endlich ein Stückchen Freiheit
genießen.
Tiertransportkampagne erreicht neuen Höhepunkt
Als am 20. März 1992 in FS 2 die schockierende
Reportage des Dokumentarfilmers Manfred Karremann, "Das
Elend der Nutztiere", ausgestrahlt wird, stößt
sie auf unerwartet großes Echo in der
Bevölkerung. Die "Kronen Zeitung" unter
Trude Sagmeister schließt sich mit großaufgemachten
Sonntagsausgaben an. Unterschriftenlisten samt
Begleittext werden veröffentlicht - mit
dem Hinweis, diese ausgefüllt an den WIENER
TIERSCHUTZVEREIN zu schicken. Der Erfolg war überwältigend.
Am 29. Juni übergeben Lucie Loubé und
Götz von Langheim dem damaligen Verkehrsminister
Mag. Viktor Klima 188.000 Unterschriften für
ein Tiertransportgesetz. Präsidentin Loubé arbeitet
zudem - als einzig hinzugezogene Vertreterin
des Tierschutzes - am "Arbeitskreis Tiertransporte" mit,
der vom Verkehrsministerium ins Leben gerufen
worden war. Ein knappes Jahr später reicht
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN weitere 400.000
Unterschriften nach. Ein kolossaler Erfolg!
WTV setzt auf Nest-Eier
Im Juli 1992 erwirbt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
mit 51% die Mehrheitsanteile an der NEST-EIER
GesmbH. Mit diesem Schritt setzt Präsidentin
Loubé ein Zeichen in Richtung Zusammenarbeit
zwischen Tierschutz, Bauern und Vermarktung.
Endziel ist es, die tierquälerische Käfighaltung
von Hühnern gänzlich abzuschaffen.
Ein erster Schritt dazu: Etablierung von Bodenhaltungs-
bzw. - noch tiergerechter - Freilandeiern.
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN leistet in Österreich
mit dem Einstieg in die "Eierbranche" Pionierarbeit;
zum Wohle der Hühner und nicht zuletzt
auch im Sinne der KonsumentInnen, denen Qualitätsware
geboten wird.
Heute, vierzehn Jahre danach, ist Österreich
europaweiter Vorreiter in Sachen tiergerechter
Eierproduktion. Nirgendwo anders gibt es einen
derart hohen Prozentanteil an Freilandeiern
wie in Österreich. 858 Betriebe, die Freilandeier
produzieren, sind Mitglied der Kontrollstelle
für artgemäße Nutztierhaltung.
Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN ist einer der drei
Eigentümer dieser Institution.
Protestdemo für Versuchshunde
In den nahezu lichtlosen Kellern des Pharmakologischen
Instituts der Universität Wien sind im
August 1992 elf Schäferhunde samt sechs
Welpen untergebracht. Sie sollen für Tierversuche
herangezogen werden. Aufgrund der öffentlichen
Empörung ordnet Wissenschaftsminister
Vizekanzler Dr. Erhard Busek (ÖVP) ein
generelles Verbot für Tierversuche an
Hunden an. Die Professorenschaft des Instituts
findet sich mit diesem Verbot allerdings nicht
ab und will den Verwaltungsgerichtshof anrufen.
Bis eine juristische Entscheidung gefallen
wäre, hätten die Hunde in ihren Verließen
jahrelang weiter dahinvegetieren müssen.
Präsidentin Loubé macht daher
das Angebot, die Hunde bis zum Gerichtsurteil
in Verwahrung zu nehmen. Das Institut für
Pharmakologie lehnt ab. Daraufhin meldet der
WIENERR TIERSCHUTZVEREIN für den 28. August
eine Demonstration vor dem Institutsgebäude
an. Am 11. September kommt es zu einem Protestmarsch
zum Wiener Rathaus. Bürgermeister Dr.
Helmut Zilk (SPÖ) sagt dem WTV seine volle
Unterstützung zu.
Letztendlich hat Präsidentin Loubé Erfolg.
Die 17 Versuchshunde werden dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN
zugesprochen, der sie nach einer Übergangszeit
im Gnadenhof Marz an tierliebe Haushalte vermittelt.
Audienz beim Papst
Am 29. September 1993 weilt Präsidentin
Lucie Loubé - zusammen mit anderen VertreterInnen
internationaler Tierschutzvereine - aus Anlass
des bevorstehenden Welttierschutztages in Rom.
Im Rahmen einer Audienz bei Papst Johannes
Paul II. erbittet sie vom Kirchenoberhaupt
die Erneuerung seines zu Beginn des Pontifikats
ausgesprochenen Wortes "Tierschutz ist christliche
Ethik".
Am Ende ihrer in Form eines Memorandums überreichten
Anliegen ersucht Frau Loubé um eine
aufklärende Stellungnahme zu zwei Postulaten
des damals neu veröffentlichten "Weltkatechismus".
Darin steht zu lesen, dass man "keine Tiere
lieben" und "für sie kein Geld ausgeben" dürfe.
Diese Formulierungen stoßen selbst bei
vielen gläubigen KatholikInnen auf Unmut.
Am 3. November 1993 erreicht den WIENER TIERSCHUTZVEREIN
namens des Vatikanischen Staatssekretariats
ein Antwortschreiben von Monsignore Sandri.
Der Inhalt ist allerdings enttäuschend.
In sehr allgemein gehaltenen Worten wird auf
die "Achtung der Unversehrtheit der Schöpfung" hingewiesen,
ohne aber konkret auf die Anliegen Präsidentin
Loubés einzugehen.
Religiöser Dialog zum Thema Schächten
Am 1. Juni 1993 erstattet der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
anlässlich des islamischen Kurban-Festes
Anzeige. Bei Breitenfurt (NÖ) waren Hunderte
Schafe ohne Betäubung und mit überwiegend
stumpfen Messern per Kehlschnitt getötet
worden. Um aber keinerlei Fremdenhetze aufkommen
zu lassen, nimmt Präsidentin Loubé die
Gelegenheit wahr, mit den höchstrangigen österreichischen
Vertretern der muslimischen bzw. jüdischen
Glaubensgemeinschaft, Prof. Dr. A. Ahmad Abdelrahmisal
und Dr. Avshalop Hodik, in konstruktiven Dialog
zu treten. Auf Vorschlag des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
beginnt man, an einer gemeinsamen Lösung
zum Thema Schächten zu arbeiten.
Fortsetzung folgt