Teil 10: Trendsetter
in Sachen Tierschutz
Der WTV in den 1980ern
Anzeigen gegen Steeplechase in Freudenau
Wenn wir das Wort Steeplechase im Zusammenhang
mit Pferden hören, denken wir sofort an
grausame Hindernisrennen. Dabei werden die
Tiere von ihren Reitern gezwungen, über
hohe Barrieren und tiefe Gräben zu springen.
Stürze gehören zur Tagesordnung.
Oft kommen Pferde auch zu Tode. Das bekannteste
Rennen dieser Art ist das Grand National in
Aintree (England). Lange Zeit wurde auch im
tschechischen Pardubice alljährlich ein
Steeplechase abgehalten. Was weniger bekannt
sein wird: nach dreißigjähriger
Pause fand am 19. September 1976 in der Wiener
Freudenau ebenfalls eine solche Pferdetortur
statt. Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN erstattete
damals sofort Strafanzeige gegen die Veranstalter.
Leider verfolgte die Staatsanwaltschaft die
Sache nicht weiter. Als beim nächstjährigen
Hindernisrennen, am 18. September 1977, ein
Pferd tot zusammenbrach, erstattete der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN erneut Anzeige. Im Antwortschreiben
vom 23. Oktober d.J. erklärte die Staatsanwaltschaft
lapidar: "keine ausreichenden Gründe für
den Tatbestand Tierquälerei gem. § 222
Absatz 1 Strafgesetzbuch gefunden" zu haben.
Im Österreich der Gegenwart hat das Steeplechase
zum Glück keinen Platz mehr.
Welttierschutztag 1977 mit dem Bundespräsidenten
Am Vorabend des Welttierschutztages 1977 veranstaltete
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN im Tierschutzhaus
eine Festveranstaltung. Persönlich mit
dabei: der höchste Repräsentant des
Staates, Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger.
Das Staatsoberhaupt, gleichzeitig auch Ehrenprotektor
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS, überreichte
fünfzehn PreisträgerInnen des Zeichenwettbewerbs "Mein
Freund - das Tier" Diplome und kleine Geschenke.
Anschließende würdigte er die Bedeutung
des Tierschutzes für die menschliche Gemeinschaft
mit folgenden Worten: "Wir sollten uns alle
darum bemühen, dass sich unsere Mitbürger
nicht dem Tier zuwenden, weil sie von den Menschen
enttäuscht sind, sondern weil sie offen
sind gegen jedes Lebewesen, offen aus dem Erkennen
oder Erahnen heraus vor dem großen Geheimnis,
das in jedem Leben steckt."
WTV-Forderung nach Bau eines Tierkrematoriums
Im "Tierfreund" 1/79 befürwortete der
WIENER TIERSCHUTZVEREIN ganz ausdrücklich
den Bau einer Kremierungsanlage für Tierkörper
im Raum Wien. Gleichzeitig wurden die Vereinsmitglieder
ersucht, ihre Meinung zu dieser Idee kundzutun.
Die Reaktion war überwältigend. Tausende
zustimmende Antworten ermunterten die Vereinsleitung,
baldmöglichst mit der Planung und Vorbereitung
zu beginnen. Schwierigkeiten bei den Verhandlungen
mit Bau- bzw. Gewerbebehörde legten das
Bauvorhaben aber die nächsten Jahre auf
Eis. Heute existiert in Wien-Simmering ein
Tierkrematorium. Büroadresse: Burggasse
60, 1070 Wien.
Entstehung der Welttierschutzgesellschaft
WSPA
Im November 1980 fusionierten die beiden Welttierschutzorganisationen
WFPA und ISPA zu einer einzigen schlagkräftigen
Vereinigung. Damit wurden Synergien freigesetzt,
die bis heute dem globalen Kampf gegen Tierquälerei
zugute kommen. Der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
ist langjähriges Mitglied der WSPA und
war im Juni 2006 bei den 25-Jahr-Feierlichkleiten
der Welttierschutzgesellschaft in London vor
Ort. Gegenwärtig führt die WSPA weltweit
eine Internetkampagne, bei der zehn Millionen
Unterschriften gesammelt werden sollen, mittels
derer an die UNO die Aufforderung ergeht, eine
Grundcharta für Tiere zu erlassen. Ein
visionäres Projekt mit hohem symbolischen
und faktischen Wert. Bitte besuchen Sie die
Seite und unterzeichnen Sie:
Link: www.animalsmatter.org
Unterschriftenaktion "Auch Nutztiere
sind Schutztiere"
Unter diesem Motto startete der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
Anfang September 1981 eine Unterschriftenaktion
mit dem Ziel einer bundeseinheitlichen Regelung
für die humane Haltung von Schweinen,
Rindern und Geflügel. Erreicht werden
sollten mindestens 100.000 Signaturen. Bis
zum 18. August 1982 war diese Marke bereits überschritten:
130.202 ÖsterreicherInnen hatten unterzeichnet.
Am 24. Oktober 1986 führte der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN einen Demonstrationszug durch
die Wiener Innenstadt durch und überreichte
Staatssekretärin Johanna Dohnal, in Abwesenheit
des leider verhinderten Bundeskanzlers Dr.
Franz Vranitzky, 162.000 - in handliche Pakete
abgepackte - Unterschriften. Frau Dohnal sagte
zu, sich für die Anliegen der Nutztiere
einzusetzen und äußerte spontan
den Wunsch, Mitglied des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
zu werden.
Einsatz gegen Kettenhunde-Haltung
Um das Los der dauernd an einer kurzen Kette
gehaltenen Hunde zu erleichtern, bot der WIENER
TIERSCHUTZVEREIN im September 1982 den TierhalterInnen
an, Ihnen kostenlos Materialien für so
genannte Laufketten zur Verfügung zu stellen.
Die richtige Montage wurde von Tierschutzinspektoren
des WTV kontrolliert.
Im Januar 1986 starte der WTV die Initiative "Gemeinde
ohne Kettenhund". Diese Auszeichnung wurde
all jenen ländlichen Gebieten verliehen,
in denen kein einziger Hund an einer Kette
gehalten worden war.
Aufgrund einer Mitteilung des Bürgermeisters
der Marktgemeinde (2601) Sollenau vom 3. November
d.J., dass in dieser aus 1.152 Häusern
und 3.555 EinwohnerInnen bestehenden Gemeinde
sämtliche 320 Hunde frei gehalten werden,
erkannte der WTV Sollenau die besondere Auszeichnung "tierfreundliche
Gemeinde" zu. Die nächsten Drei, denen
diese Ehre zuteil worden war, sind: die Gemeinde
Schwarzenau am Steinfeld (Bezirk Neunkirchen),
die Marktgemeinde Petzenkirchen (Bezirk Melk)
sowie die Marktgemeinde Burgschleinitz-Kühnring
(Bezirk Horn).
Feierliche Eröffnung neuer Hundestallungen
1982 stand im Gedenken an Franz von Assisi;
das Geburtsjahr des großen Tierschutzpatrons
jährte sich zum 800.Mal. Am 16. Oktober,
knapp nach dem Welttierschutztag, eröffnete
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN Franziskus' zu
Ehren seine neuen Hundestallungen am Khleslplatz.
Drei zusätzliche Gebäude mit je 28
Einheiten boten ab sofort Aufnahme für
84 Hunde.
Der WTV wurde zum "Markenzeichen"
Eine im Dezember desselben Jahres vom Meinungsforschungsinstitut
Fessl durchgeführte Umfrage ergab: 89%
der Befragten beurteilten die Leistungen des
WIENER TIERSCHUTZVEREINS als "wichtig bis äußerst
wichtig". Ein wunderbarer Vertrauensbeweis
der Bevölkerung.
Am 5.12. präsentierte der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
sein neues Vereinssymbol, das immer noch in
Verwendung und zum Markenzeichen für aktiven
Tierschutz geworden ist.
BP Kirchschläger, ein Freund
des WTV
Bundespräsident Kirchschläger machte
dem Tierschutzhaus am 25. Februar 1983 erneut
seine Aufwartung. Beim Round-Table-Gespräch
mit Vereinspräsident Univ.-Prof. Dr. Oskar
Prändl wollte er seinen zweiten Besuch
als "offizielle Anerkennung und Wertschätzung
der Arbeit des Wiener Tierschutzvereins" verstanden
wissen.
Am 4. Dezember 1986 wurde Dr. Kirchschläger,
damals schon Altbundespräsident, die Ehrenmitgliedschaft
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS überreicht.
In seiner Dankesrede erklärte das Staatsoberhaupt
a.D.: "Wir müssen trachten, dass das Verständnis
für das Tier nicht nur in den einsamen
Menschen wächst, wir müssen vielmehr
trachten, eine Meinungsbildung in der Öffentlichkeit
und bei den Mitmenschen zu erreichen, die das
Tier schätzt, gut zum Tier ist und dem
Tier zur Seite steht!".
WTV-Gnadenhof in burgenländischen
Marz
In einer Bauzeit von nahezu zwei Jahren adaptierte
der WIENER TIERSCHUTZVEREIN die ehemalige "Heroldsmühle" in
Marz zu einem Gnadenhof. Darin fanden bis zum
Sommer 2006 alte bzw. gebrechliche Tiere ein
würdevolles Ausgedinge. Zurzeit steht
der neu renovierte Gnadenhof, nahe des Tierschutzhauses
in Vösendorf, kurz vor der Vollendung.
Das zu klein gewordene Marz wurde veräußert.
1. Mischlingshunde-Wettbewerb des
WTV (1984)
Am 2. Dezember 1984 hielt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
im Wiener Tierschutzhaus den ersten so genannten "Bastardl-Wettbewerb" ab,
bei dem die schönsten Mischlingshunde
gekürt wurden. Im Gegensatz zu Rassehunden
genießen Mischlinge ja in den Augen vieler
Menschen weit weniger Ansehen - zu Unrecht!
Mit der Etablierung dieser breitenwirksamen
Veranstaltung hat der WTV eine Lanze für
die Reputation von Mischlingshunden gebrochen. "Bastardl",
zugegeben, ein unschönes Wort, das aber
nicht despektierlich, sondern mit Wienerischem
Charme verstanden werden muss. Gegenwärtig
wird der Mischlingshundewettbewerb mit großem
Publikumanklang alljährlich anlässlich
des Tags der Offenen Tür im Tierschutzhaus
in Vösendorf abgehalten.
"Erster Österreichischer Tierschutzkongress" (1987)
Am 15. Oktober 1985 nahm der WIENER TIERSCHUTZVEREIN
mit Frau Viktoria Blaska aus Bruck an der Leitha
feierlich sein 50.000. Mitglied auf.
Vom 10. bis 11. Oktober 1987 war Klosterneuburg
Schauplatz des "Ersten Österreichischen
Tierschutzkongresses. Auf Einladung der Obfrau
des Tierheims Klosterneuburg, Lucie Loubé,
reisten RepräsentantInnen von vierzig
Tierschutzvereinen aus allen neun Bundesländern
an. Die Tagungsagenda umfasste:
-) Verbesserung der Rechtsstellung des Tieres
und der Tierschutzorganisationen
-) Steuerfragen und Finanzierungsformen der
Tierschutzvereine
-) Strukturreform des Tierschutzes in Österreich;
Organisations- und Finanzierungsmodelle
-) Abschaffung von Tierversuchen
Lucie Loubé Vorsitzende des
Tierschutzausschusses
Anfang 1988 war es zu Veränderungen in
der Vereinsleitung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
gekommen. Am 12. Februar verstarb der langjährige
Präsident Dr. Prändl. Siebe Tage
später wurde Lucie Loubé der Vorsitz
im Tierschutzausschuss - und damit die Letztverantwortung über
das Wiener Tierschutzhaus - übertragen.
Jürgen Peters war bereits am 31. Januar
zum geschäftsführenden Präsidenten
bestimmt worden.
Frau Loubé begann sofort nach Amtsantritt
mit notwendigen Reformen. So wurden von ihr
die Öffnungszeiten geändert, als
auch die Abgabemodalitäten für Hunde.
Das führte dazu, dass sich der Hundebestand
innerhalb weniger Wochen von 205 auf 136 verringerte - bei
gleichzeitiger Reduzierung der Einschläferungen.
Bundesgesetz: "Tiere sind keine Sachen."
Am 10. März 1986 beschloss der österreichische
Nationalrat über die Rechtsstellung von
Tieren. Durch das Bundesgesetz Nr. 179/1988
wurde dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch
(ABGB) der Paragraph 285a eingefügt, dessen
erster Satz lautet: "Tiere sind keine Sachen,
sie werden durch besondere Gesetze geschützt".
Gesetzeskraft hatte dieser Beschluss mit 1.
Juli d.J. Damit war einer der Grundsteine für
das Bundestierschutzgesetz vom 1.1. 2005 gelegt.
1. Artenschutzkonferenz des WTV (1988)
Auf Initiative des WIENER TIERSCHUTZVEREINS
kamen am 27. Mai 1988 VertreterInnnen der Bundesministerien
für wirtschaftliche Angelegenheiten, für
Umwelt bzw. für Jugend und Familie, der
Wiener Magistratsabteilung MA22, des Zollamtes
Wien-Schwechat, des Umweltforums sowie des
WWF Österreichs zusammen. Den Ehrenvorsitz übernahm
Bundesministerin Dr. Marilies Fleming. Zur
Debatte stand die Handhabung des Washingtoner
Artenschutzabkommens in Österreich. Anlassfall
für dieses Treffen war u.a. die traurige
Geschichte der beiden Schimpansen "Rosi" und "Hiasl".
Der "Schimpansenprozess" um "Rosi" und "Hiasl"
Seit 28. April 1982 befanden sich "Rosi" und "Hiasl", zwei
Schimpansen, nach ihrer Beschlagnahme wegen
Verletzung des Washingtoner Artenschutzabkommens
in Verwahrung des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.
Die beiden Tiere waren von der Pharma-Firma
Immuno als Wildfänge aus Westafrika importiert
worden, um sie für Tierversuche heranzuziehen.
In den Folgejahren entstand über die Rechtmäßigkeit
der Beschlagnahmung ein Rechtsstreit, der bis
zum Verfassungsgerichtshof ging. Mit 28. November
1985 erging dann das höchstgerichtliche
Erkenntnis, dass die Beschlagnahme aufgehoben
worden war, und die beiden Affen Immuno auszufolgen
seien. Als die Pharmaleute "Rosi" und "Hiasl" abholen
wollten, bildeten TierpflegerInnen eine Menschenmauer
um den Schimpansenkäfig und verweigerten
die Herausgabe. Weitere Klagen und Prozesse
brachen über den WIENER TIERSCHUTZVEREIN
herein. Durch am Ende saß der WTV am
längeren Ast: "Rosi" und "Hiasl" mussten
nie qualvolle Experimente über sich ergehen
lassen und leben seit Jahren wohlauf in einer
geräumigen Anlage im Tierschutzhaus. Außerdem
sind sind Tierversuche mit Menschenaffen in Österreich
mittlerweile verboten!
Januar 1989: "Tierfreund" wieder im
Großformat
Anfang 1989 macht das Vereinsmagazin des WIENER
TIERSCHUTZVEREINS, der "Tierfreund", mit neuem
Briefkopf, großformatig und mit vergrößertem
Umfang auf. Der Themenkreis wurde um Gebiete
wie Alternativmethoden zu Tierversuchen, Rechtsfragen,
Fragen zur praktischen Tierhaltung u.v.m. erweitert
Richtungsweisende Beschlussfassungen
Am 28. Juni 1989 beschloss die Generalversammlung
des WIENER TIERSCHUTZVEREINS folgende Schritte
anzugehen:
-) dafür Sorge zu tragen, dass in einzelnen
spezialisierten Pensionistenheimen die Mitnahme
von Hunden und Katzen als treue Weggefährten
des alten Menschen ermöglicht wird
-) zu erreichen versuchen, dass die Stadt
Wien die Tätigkeit des Wiener Tierschutzvereins
finanziell abgilt. Zumindest 50% der vereinnahmten
Hundeabgabe sollten hierfür zweckgebunden
werden
-) ein Programm für ein "hunde- und tierfreundliches
Wien" zu entwerfen, um ein "besseres Miteinander
zwischen Tierfreunden und Tierfeinden" zu erreichen
-) Ermäßigung der Hundeabgabe um
je 25% bei Nachweis des Besuches eines Hundeschulungskurses,
bei Nachweis einer Kastration bzw. Sterilisation
des Hundes sowie bei Übernahme eines Hundes
aus dem Wiener Tierschutzhaus.
Fortsetzung folgt