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Wiener Tierschutzverein

Triesterstraße 8 (368)
2331 Vösendorf (Stadtgrenze Wien)

Telefon: 01 / 699 24 50 - 0
Fax: 01 / 699 24 50 - 98
Tierrettung: 01 / 699 24 80

Email: office@wr-tierschutzverein.org

Teil1 : Ignaz Castelli: Dichter und Tierfreund

"Der stolze Mensch sieht sich als den König aller Wesen an, handelt aber nicht groß- und edemütig, wie ein König sein soll, sondern wird zum Tyrannen."

Am 6. März 1781 wird Ignaz Franz Castelli, von dem obige Zeilen stammen, als Sohn eines Finanzbeamten in Wien geboren. Wer jetzt annimmt, der Herr Papa hinterlässt ihm ein saftiges Vermögen, irrt. Eine leere Brieftasche mit folgenden Worten ist alles: "Suche sie durch deinen Fleiß auf redliche Art voll zu machen, Ich werde für dich bei Gott bitten, dass er dich segne." In diesem Sinne studiert Castelli Rechtswissenschaften und übt als Brotberuf "Landschafts-Sekretär" bzw. "Häuser-Revisor" in Niederösterreich aus, sagt aber dem Paragraphendickicht immer mehr ade, um sich der Schreiberei zu verschreiben.

1801 wird Castellis erstes Drama, "Die Mühle am Arpennerfelsen", am Schikaneder Theater auf der Wieden aufgeführt; immerhin mit einem Honorar von 30 Gulden. Im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon verfasst er patriotische Schriften. 1816 folgt "Der Hund des Aubri", 1822 veröffentlicht er "100 vierversige Fabeln" - das Interesse für Tiere ist erstmals ersichtlich.

1823 wird sein Lustspiel "Der Ehemann als Liebhaber oder der Liebhaber als Ehemann" inszeniert. 1828 kommen "Gedichte in niederösterreichischer Mundart" sowie die derb humoristischen "Wiener Lebensbilder" heraus 1861 erscheinen die vierbändigen "Memoiren meines Lebens". Insgesamt umfasst sein Oeuvre 199 Werke, von der Oper bis zum Lustspiel, über 100 davon wurden aufgeführt. 26 Jahrgänge "Huldigung der Frauen" werden von Castellis Hand redigiert. 16 Gedichtbände und sechs Bände gemischten Inhalts runden sein literarisches Schaffen ab.

Doch der Biedermeier­Dichter ist alles andere als ein Biedermann. In mancherlei Hinsicht eilt er seiner Zeit weit voraus. Ignaz Castelli zeigt tiefe Bestürzung und Abneigung gegenüber Tierschinderei oder Tierkämpfen. Sein Ziel ist es, den Menschen durch Mitgefühl für anderes Leben zu "veredeln", die niederen Instinkte unserer Spezies zu zähmen. Wenig wunder, dass er sich mit der Absicht trägt, einen Tierschutzverein aus der Taufe zu heben.

10. März 1846: Geburtstag für den Tierschutz

Am 8. Januar 1846 erlässt die kaiserliche Hofkanzlei das Dekret Nr. 42.996, das u.a. folgende Bestimmungen enthält:

1) Jede in der Öffentlichkeit begangene, Ärgernis erregende Tierquälerei ist als Polizeivergehen anzusehen und entsprechend zu bestrafen.

2) Die Regierung wird jede freiwillige und aus innerster Oberzeugung hervorgehende Anregung zur Gründung von Vereinen gegen Tierquälerei mit Wohlgefallen anerkennen.

3) Die Entstehung solcher Vereine dient dem Fortschritt zur Veredelung des sittlichen Gefühls, der Aufklärung und der Förderung der Humanität.

Ignaz Castelli lässt sich nicht lange bitten und lanciert noch im selben Monat in den Zeitungen folgenden Aufruf:

"Schon seit vielen Jahren nähre ich den Wunsch, nach dem Beispiel anderer großer Städte auch in Wien einen Verein gegen Tierquälerei zu gründen. Nun vernehme ich, daß man von anderen Seiten sich damit beschäftigt, hiezu bereits Materialien gesammelt und die ersten Schritte getan habe. Da auch ich über diesen Gegenstand reiflich nachgedacht und mir hiezu die Statuten mehrerer ähnlicher Vereine beschafft habe, so ersuche ich diejenigen, denen die oft grausame Behandlung der Tiere ebenso nahe geht wie mir, sich wegen Gründung eines so wohltätigen Vereines mit mir in das Einvernehmen zu setzen. Vereinte Kräfte werden sicherlich nicht wirkungslos sein."

Castellis Appell an das öffentliche Gewissen findet Anklang. Nach nur zwei Monaten melden sich fast 2.500 Personen. Aus ihnen heraus formiert sich ein harter Kern, ein Gründungskomitee von "12 ehrenwerten Männern", das am 10. März 1846 im Landwirtschafts-Sitzungssaal des Niederösterreichischen Landhauses die Gründung des "Niederösterreichischen Vereins gegen Misshandlung der Tiere in Wien" beschließt. Schon bald wird diese Organisation - weniger sperrig formuliert - als WIENER TIERSCHUTZVEREIN Bekanntheit erlangen.

Als Hauptziel des neuen Vereins hält der Dichter schnörkellos und prosaisch fest: Belehrende Information der Öffentlichkeit, besonders der Jugend, Aufzeigung und Verfolgung von Tierquälereien aller Art sowie Gewährung von Prämien zur Verminderung von Tierquälereien.

Ignaz Franz Castellis Schlussansprache während der Gründungsversammlung trifft nicht nur die Herzen, sondern bezieht - strategisch klug - auch den Gesetzgeber von vornherein mit ein:

"Ich bin entschlossen, den Abend meines Lebens der Humanität zu widmen und hoffe, dieses mein Abendgeschäft werde - mit ihrem Beistand, meine Herren - einen Morgen der besseren Gesittung und des Mitleids gegen die unschuldigen Opfer menschlicher Rohheit herbeiführen.

Lassen Sie uns fest zusammenhalten, um die Folter, die milde Regenten schon lange bei den Menschen abgeschafft haben, auch bei den Tieren abzuschaffen. Unsere Sache ist gut, unser Wille ist gut, Gott und unsere humane Regierung werden uns schützen!"

 

Mai 1847: Erste "Tiertransport­Kampagne"

Was Ignaz Franz Castelli besonders empört ist der Transport von Kälbern und anderem so genannten "Stechvieh" auf Wagen in gefesseltem Zustand. Im Zuge der Aktion "Kälbertransporte lässt der "Niederösterreichische Verein gegen Mißhandlung der Tiere in Wien" einen Wagen anfertigen, mit dem die Kälber ungefesselt und der Breite nach stehend befördert werden können. Damit Fuhrleute und Tierhändler diesen humaneren Transporter vorziehen sollen, setzt Vereinspräsident Castelli vier Prämien zu je 50 Gulden aus. Leider findet der Plan trotz finanzieller Anreize keine Interessenten, auch dann nicht, als er 1865 wiederholt angeboten wird. Bis heute ist das Thema Tiertransporte brandaktuell und eines der ureigensten Anliegen des WIENER TIERSCHUTZVEREINS.

 

"Der Thierfreund" und Filialvereine

Der Vorläufer unseres heutigen Vereinsmagazins "Tierfreund" erscheint erstmals am 15. März 1852. Castelli: "Der Thierfreund" soll dazu dienen, durch Lehre und Beispiel die Pflichten für die Tiere kennen zu lernen; Liebe für sie zu wecken und Misshandlungen zu verhüten sowie den Vereinsmitgliedern alles bekannt zu geben, was sowohl hierzulande als auch in anderen Ländern zum Schutze der Tiere geschieht."

Im "Thierfreund" vom 15. Oktober 1854 wird stolz verlautbart, dass es dem WIENER TIERSCHUTZVEREIN, wie sich Castellis Organisation offiziell ab 1852 immer öfter nennt, fortan gestattet ist, in den deutschen Bezirken der österreichischen Monarchie Filialvereine gründen zu dürfen. Im Januar 1856 verfügt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN über elf dieser Dependancen (mit mindestens 50 Mitgliedern) in Niederösterreich, der Steiermark, Böhmen, Mähren und Ungarn und bezeichnet sich daher als "Wiener Tierschutz-Central-Verein".

 

Networking und Lobbying in höchsten Kreisen

Um gegen Tierquälerei effektiv vorgehen zu können, bedarf der WIENER TIERSCHUTZVEREIN damals wie heute der Unterstützung seitens der Behörden. Castelli wendet sich direkt an Kaiser Ferdinand 1., um zu bewirken, dass das Dekret der Hofkanzlei vom 8. Januar 1846 eine "öffentliche legislative Neuverkündung" erfährt.

Am 8. November 1847 wird dies seinem Tierschutzverein von der k.u.k. Polizei-Oberdirektion schriftlich zugesichert. Alle Polizeibehörden des Kaiserreichs seien beauftragt, aufgrund des erwähnten Hofdekrets öffentlich begangene Tierquälerei als Polizeivergehen entsprechend zu ahnden. Mit dem Reichsgesetzblatt Nr. 31 vom 15. Februar 1855 erwirkt der WIENER TIERSCHUTZVEREIN sogar noch eine Präzisierung und damit Verschärfung der Verordnung gegen Tiermisshandlung. Erster symbolischer Vereinsprotektor ist Graf Albert Montecuccoli-Laderchi, seines Zeichens Landmarschall von Niederösterreich.

Nach dessen Tod übernimmt der kaiserlich-königliche Feldmarschall-Leutnant und Gendarmerie­Generalinspektor Johann Freiherr Kempen von Fichtenstamm die Ehrenpatronanz über den Wiener Tierschutz-Central-Verein. Dank dieser blendenden Verbindungen - Networ­king und Lobbying würde man auf "Neudeutsch" heute dazu sagen - schafft es Castelli zu verhindern, dass ein Pferd aus 1.000 Meter Höhe per Fallschirm abgeworfen wird. Zum Gaudium des zahlungskräftigen Wiener Publikums hatte dies der Luftschiffer N. Corwell geplant.

Vom 31. Juli bis zum 2. August 1860 findet in Dresden der "1. Internationale Kongreß der Tierschutzvereine" statt, an dem insgesamt 21 'Tierschutzvereine europäischer Städte teilnehmen. Natürlich ist der WIENER TIERSCHUTZVEREIN inklusive seiner Filialorganisationen mit dabei.

Als wichtiger Punkt wird beschlossen, dass die einzelnen Organisationen bei ihren jeweiligen Regierungen "allgemeine Tierschutzgesetze" erwirken sollen, durch die ein gleichmäßigerer und effektiverer Schutz der Tiere vollzogen werden kann.

In Entsprechung dieses Beschlusses verfasst Ignaz Castelli seitens des WIENER TIERSCHUTZVEREINS einen Entwurf für ein "umfassendes Gesetz gegen Tierquälerei" und legt diesen am 22. November 1861 dem Niederösterreichi­schen Landtag in Petitionsform vor. Castelli hatte den Iegistischen Grundstein gesetzt. Dennoch sollte es bis zum 1. Januar 2005 dauern, ehe Österreich endlich über ein Bundestierschutzgesetz verfügt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Teil 2: Castellis Tod - Ende einer Ära

Einführungsseminar Betreuungspaten
12. September 2008, 18:30 Uhr
Terminvormerkung Hundewandertag
13. September 2008